Wirtschaft : Pirelli macht Berlin zum Hauptquartier

BERLIN (dw).Pirelli macht beim Aufbau des versprochenen "Kabel-Kompetenzzentrums" in Berlin Tempo.Ein Vierteljahr nach der Übernahme des Kabelgeschäfts der Siemens AG hat die Elektrosparte des italienischen Reifenkonzerns sein deutsches Hauptquatier in Berlin eingerichtet und will nun Vertrieb und Verwaltung der fünf deutschen Standorte mit ihren insgesamt 1960 Mitarbeitern in der Hauptstadt konzentrieren."Berlin wird die Zentrale", faßt Jürgen Krupski von der Pirelli Kabel und Systeme Deutschland GmbH die laufende Restrukturierung zusammen: "Stabsfunktionen, Vertriebsabteilungen und zentraler Einkauf werden hier zusammengeführt." Die Ausgliederung aus dem Siemensverbund hat sich für die rund 590 Berliner Kabelwerker somit gelohnt, auch wenn noch niemand schätzen will, wieviel zusätzliche Arbeitsplätze angesiedelt werden."Wir sind ganz froh, nicht mehr bei Siemens zu sein", sagt Betriebsratssprecher Jürgen Schulz: "Jahrzehntelange Unsicherheiten sind damit endlich beendet."

Des einen Freud, des anderen Leid: Der Aufbau in Berlin geht zu Lasten der Standorte Coburg, Erlangen, Hannover und Schwerin.Besonders schlimm traf es das Werk in Mecklenburg-Vorpommern mit bislang rund 640 Mitarbeitern: 125 Ex-Siemensianer erhielten vom neuen italienischen Eigentümer jetzt das Kündigungsschreiben.Ingrid Hauschulz, Vorsitzende des Schweriner Betriebsrates, ist über die blauen Briefe empört.Der neue italienische Eigner scheine keine besondere Rücksicht zu nehmen, wo Siemens bestenfalls auf sozialverträglichen Stellenabbau gesetzt hätte."Wir befürchten alle, daß es mit den 125 Entlassungen noch nicht getan ist", sagte Hauschulz.Doch Jürgen Krupski aus der Berliner Pirelli-Zentrale winkt ab: Sicherlich seien "alle Standorte von der Restrukturierung betroffen".Bis dato sei man allerdings noch in der Verhandlungsphase, endgültige Entscheidungen über Stellenabbau seien noch nicht getroffen.Immerhin: Auch er verweist auf die ehrgeizigen Renditeziele, die der italiensiche Vorstandsvorsitzende des Pirelli-Konzerns tags zuvor in einem Gespräch mit dem "Handelsblatt" genannt hatte: Von 12 auf bis zu 20 Prozent solle die Eigenkapitalrendite des Gesamtkonzerns in den nächsten Jahren steigen, so Marco Tronchetti Provera.Angesichts der zur Zeit großen Überkapazitäten in der Kabelbranche halte er eine Verminderung der Beschäftigtenzahlen an einigen deutschen Standorten nicht für ausgeschlossen, sagte Tronchetti.

Pirelli hatte die Kabel-Sparte von Siemens im Oktober 1998 für rund 500 Mill.DM übernommen.Es handelte sich um die erste Maßnahme des "Zehn-Punkte-Programms", mit der Siemens-Chef Heinrich von Pierer das Konzernportfolio bereinigen will.Mit den Kabel-Töchtern in Osteuropa, der Türkei und Südafrika galt der Siemens-Bereich als ideale Ergänzung der Pirelli-Aktivitäten.

Der Pirelli-Konzern - in Deutschland vor allem für seine Autoreifen bekannt - blickt auf eine weit längere Tradition im Kabelgeschäft zurück.Giovanni Battista Pirelli gründete sein Unternehmen 1872 in Mailand.Zunächst stellte er einfache Gummi-Artikel wie etwa Gürtel her.Seit 1879 produzierte der Unternehmer auch Elektrokabel.Die Ausstattung der Mailänder Scala mit elektrischem Strom war 1883 das Referenzprojekt, das den internationalen Ruhm des Unternehmens begründete.Schon 1886 produzierte das Unternehmen Unterseekabel in großem Stil.Dazu kamen hohe Forschungsausgaben: 1924 ließ Pirelli ein ölgefülltes Stromkabel patentieren, das Stromstärken von mehr als 1 Million Volt übertragen konnte und bei der Versorgung von New York und Chicago zum Einsatz kam.Seit Mitte der 70er Jahre erforscht der Weltkonzern auch optische Datenübertragung über Glasfaserkabel.Nach langer Konzentration auf das Reifengeschäft besann sich Pirelli 1992 zurück aufs Kabel.Durch die Übernahme des Siemens-Bereiches im Oktober 1998 wuchs Pirelli zum weltgrößten Anbieter der unter Überkapazitäten leidenden Kabel-Branche und verwies die französische Alcatel auf den zweiten Platz.dw

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