"Plagiarius" : Schmähpreis für dreiste Kopien verliehen

Kein Produkt ist für die Fälscher tabu - auch deutsche Firmen kupfern fleißig ab. Illegale Kopien kommen aber weiter vor allem aus China - und bergen zum Teil Gefahren für Leib und Leben.

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Das Original des Heißluftgebläses "HL 1610 S" der Firma Steinel aus dem Raum Gütersloh und die Nachahmung eines chinesischen Herstellers (unten).
Das Original des Heißluftgebläses "HL 1610 S" der Firma Steinel aus dem Raum Gütersloh und die Nachahmung eines chinesischen...Foto: dpa

Die Fälscher schrecken vor nichts mehr zurück. Mittlerweile kopieren sie auch Schulungsvideos, die große Firmen in Management-Kursen einsetzen. So geschehen bei der in Stuttgart und Berlin ansässigen simpleshow GmbH, Weltmarktführer in ihrer Branche. Die indische Firma Telling Your Story Visually hat einfach ein Video der deutschen Firma eins zu eins übernommen und nur die letzte Folie mit dem Firmennamen ausgetauscht. Dafür bekamen die natürlich nicht anwesenden Inder am Freitag den „Oscarius“, einen Sonderpreis der Aktion Plagiarius, die alljährlich die dreistesten Fälschungen prämiert. Immer öfter wird auch deutschen Firmen diese zweifelhafte Ehre zuteil, wie Aliki Busse von der 1977 vom Ulmer Design-Professor Rido Busse ins Leben gerufenen Aktion am Freitag in Frankfurt betonte.

So muss sich die Lahrer Firma Wagner System GmbH den Vorwurf gefallen lassen, eine Möbelrolle der Gross+Froelich GmbH aus Weil der Stadt kopiert zu haben. Dafür gab es bei der 39. Plagiarius-Verleihung einen kleinen schwarzen Zwerg mit einer goldenen Nase. Mehr noch: Die Lahrer haben sich mit der Fälschung sogar für einen Design-Preis beworben. Derzeit streiten sich Original-Hersteller und Fälscher vor Gericht.

Auch Rosenthal ahmt Porzellanfiguren der Konkurrenz nach

Der Möbel-Hersteller Christmann aus Langenberg wurde ebenfalls von der Jury ausgezeichnet, dafür, dass das Unternehmen ein Polstermöbelsystem der Firma Cor Sitzmöbel aus Nordrhein-Westfalen kopiert, nachdem man jahrelang zusammengearbeitet hatte. Auch der renommierte Porzellan-Hersteller Rosenthal war sich nicht zu schade, Porzellan-Figuren einer ebenfalls deutschen Handelsgesellschaft abzukupfern. 

Das Parfum "Jean Paul Gaultier Classique" und die Nachahmung eines chinesischen Herstellers (rechts).
Das Parfum "Jean Paul Gaultier Classique" und die Nachahmung eines chinesischen Herstellers (rechts).

Immer noch aber sind es vor allem chinesische Unternehmen, die mit oft schlechten, billigen und vor allem auch qualitativ minderwertigen Kopien an den Markt gehen. Dies hat nicht nur wirtschaftliche Folgen für den Originalhersteller, der viel Geld und Zeit in die Entwicklung gesteckt hat. Sondern ist auch gefährlich, wie Busse betont. Das gilt etwa für die Kopie eines Notfallatmungs-Gerätes der Hamburger Weinmann GmbH. Vier Jahre hat die Firma in die Entwicklung investiert und hilft mit dem Gerät Ärzten, Leben zu retten. Beim von der chinesischen Ambulanc Tech aus Shenzhen gebauten Kopie ist das nicht der Fall. „Mit ihr wird die Sicherheit der Patienten gefährdet“, sagt Busse.

Plagiate auch auf der Messe "Ambiente"

Heutzutage gebe es Plagiate und Fälschungen in allen Preis- und Qualitätsstufen, hieß es in Frankfurt. 2013 kamen fast 80 Prozent aus China und Hongkong. Nach Angaben des deutschen Maschinenbauverbandes VDMA hatten 2013 und 2014 aber nahezu ein Viertel der Plagiate in der Branche ihren Ursprung in Deutschland. Allein 2013 hat der Zoll in der EU an den Grenzen illegale Produkte im Gegenwert von 760 Millionen Euro beschlagnahmt - Textilien, Sportartikel, Medikamente, Kosmetika, gefährliche Spielwaren bis hin zu minderwertigen Auto-Ersatzteilen.

Busse („Fälscher brauchen auch Hehler und Käufer“) appelliert auch an die Verbraucher, genau hinzuschauen und - falls erkennbar - keine Plagiate zu kaufen. Abgesehen vom wirtschaftlichen Schaden für den Original-Hersteller unterstütze man damit kriminelle Machenschaften und in vielen Fällen auch Kinderarbeit.

Auf der weltgrößten Konsumgütermesse Ambiente, die derzeit in Frankfurt stattfindet, wurde der Zoll am Freitag wieder fündig. Wäschekörbe, Taschen, Gläser, Töpfe und Pfannen waren für die Zöllner schnell als Plagiate erkennbar. Die betroffenen chinesischen Hersteller müssen die Produkte vom Stand entfernen. Die Frankfurter Messe selbst hat eigens eine Hotline für Aussteller eingerichtet, bei der Plagiate gemeldet werden können.

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