Wirtschaft : Platin: Eine Schmuckidee für Anleger

Wolfgang Drechsler

Platin hat in den beiden letzten Jahren einen dramatischen Aufschwung erlebt. Zuletzt konnte es sogar erstmals Gold als Hauptdevisenbringer Südafrikas überflügeln. Die stark gestiegenen Einkünfte haben den fast ausschließlich in Südafrika ansässigen Produzenten zuletzt märchenhafte Renditen beschert und sie vor dem Hintergrund weltweit fallender Aktienmärkte zu attraktiven Anlageobjekten gemacht. Während zum Beispiel Anglo American Platinum (Angloplat), der weltweit größte Produzent des weißen Metalls, im Finanzjahr 2000 einen Reingewinn von rund sieben Milliarden Rand (etwa 1,4 Milliarden Mark) verbuchte, beglückte der Konkurrent Impala Platinum (Implats) seine Aktionäre mit einer üppigen Sonderausschüttung.

Mit der immer stärkeren Abkühlung der Weltwirtschaft ist der Platinpreis letzte Woche jedoch erstmals seit mehr als einem Jahr wieder unter die Schwelle von 500 Dollar gefallen. Dies hat vielerorts Befürchtungen geschürt, dass das steile Kurswachstum der vergangenen Jahre womöglich zu Ende gehen könnte. Die meisten Analysten halten diese Ängste indes für überzogen. Sie sind statt dessen der Ansicht, dass sich die Situation am Markt diesmal grundlegend vom letzten großen Preissturz in den frühen 90er Jahren unterscheidet.

Begehrtes Produktionsmaterial

Zum einen sind laut Réné Hochreiter, Platinanalyst beim südafrikanischen Brokerhaus Barnard Jacobs Mellet, die Automobilproduzenten auf steigende Platinlieferungen angewiesen. Schon wegen der weltweit immer härteren Umweltauflagen werden heute mehr Autos als zuvor mit einem Katalysator ausgestattet - der je nach Fahrzeugtyp zwischen einem und sechs Gramm Platin enthält. Daneben zieht die Nachfrage auch an, weil viele Autohersteller wegen des zeitweise auf über 1000 Dollar pro Unze gestiegenen Palladiumpreises - das Metall wird ebenfalls in Katalysatoren eingesetzt - zuletzt wieder verstärkt auf Platin umgeschwenkt sind. Als besonders vielversprechend könnte sich zudem die Verwendung in Brennstoffzellen erweisen, die in einigen Jahren in Serie produziert und unter anderem herkömmliche Automotoren ersetzen könnten. Nach Ansicht von Angloplat-Chef Barry Davison dürften schon im Jahr 2010 allein in diesem Segment der Autoindustrie rund 500 000 Unzen (etwa zehn Prozent der gegenwärtigen Gesamtproduktion) Verwendung finden.

Außerdem scheinen die Platinvorräte, die Russland während des Kalten Krieges angelegt hat, inzwischen so weit aufgebraucht, dass das Land künftig nicht viel mehr Platin auf den Markt werfen kann als es auch fördert. Mit einem Anteil von rund 15 Prozent ist Russland hinter Südafrika, das fast 80 Prozent des weißen Metalls fördert, heute der weltweit zweitgrößte Platinproduzent. "Ich bin überzeugt, dass die Russen den Platinmarkt nicht mehr durch größere Lieferungen stören können", sagt Angloplat-Chef Barry Davison. Daneben hätten die höheren Einnahmen Russlands aus dem Geschäft mit Öl und Gas den Verkaufsdruck bei Platin deutlich gemindert.

Ebenso wichtig für die weitere Entwicklung des Platinmarktes ist das Verhalten der Juweliere. Denn rund die Hälfte des international verbrauchten Platins wird heute zu Schmuck verarbeitet. Der größte Unsicherheitsfaktor ist gegenwärtig Japan, wo die Nachfrage nach Platinschmuck jahrelang besonders hoch war, aber wegen der wirtschaftlichen Stagnation in diesem Jahr voraussichtlich um etwa zehn Prozent fallen wird. Diese Ausfälle können auch durch den stark gestiegenen Platinkonsum Chinas kaum wettgemacht werden. Ungewiss bleibt auch das Verhalten der Konsumenten in Europa und den USA. Im vergangenen Jahr stieg der Verkauf von Platin-Schmuck in den USA lediglich um zwei Prozent.

Langfristig gute Wachstumsaussichten

Dennoch: Für eine Trendwende, heißt es aus Analystenkreisen, müsste die Weltwirtschaft schon gewaltig abkühlen. Die Experten am Kap haben denn auch wenig Zweifel an den mittel- bis langfristig guten Wachstumsaussichten der Branche. Die meisten halten vor allem die Titel der großen südafrikanischen Platinproduzenten Angloplat und Implats zurzeit für deutlich unterbewertet. Während einige Stockbroker wie von der britisch-chinesischen HSBC vor Übermut warnen, sieht Hochreiter nach den jüngsten Preisrückschlägen von fast 30 Prozent echte Kaufgelegenheiten. Dass sowohl Implats als auch Angloplat, gemessen an der für das nächste Geschäftsjahr geschätzten Gewinnentwicklung, mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von unter zehn bewertet werden, ist ihm unbegreiflich. Hochreiter veranschlagt den tatsächlichen Wert von Angloplat auf 770 Rand pro Aktie, was gegenüber dem Kurs zu Wochenbeginn von 270 Rand ein Aufschlag von 185 Prozent wäre. Noch stärker sei die Unterbewertung bei Implats.

Untermauert wird diese Einschätzung durch einen Vergleich mit den hart gebeutelten Aktien der großen Goldförderer, deren KGV fast doppelt so hoch liegt. Dabei sind die Aussichten für das gelbe Metall nicht annähernd so günstig wie für die Platinbranche. Ablesbar ist dies auch am Platinpreis, der trotz seiner starken Einbußen in den letzten drei Monaten noch immer fast genau doppelt so hoch wie der Goldpreis ist.

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