Wirtschaft : Polen: Die Warschauer Börse wird privatisiert

Klaus Bachmann

1602 hat alles angefangen, als die erste Aktie der niederländischen Ostindiengesellschaft in Amsterdam gehandelt wurde, die das Monopol für die Ausbeutung der niederländischen Kolonien hatte. Die "Beurs" wurde damit die älteste Börse der Welt, bis sie im Februar dieses Jahres ihre Selbstständigkeit aufgab und mit den Börsen in Brüssel und Paris fusionierte. Nun soll sie sich mit einem Anteil von 40 Prozent an einer der jüngsten Börsen Europas einkaufen. In dieser Woche machte das Ökonomische Komitee des Ministerrats in Warschau den Weg frei für die Privatisierung der Warschauer Börse. Schatzministerin Aldona Kamela-Sowinska erklärte, die Regierung strebe eine Beteiligung von Euronext als strategischem Investor an.

Die Warschauer Wertpapierbörse ist erst vor zehn Jahren gegründet worden, kurz nach der Selbstauflösung und Enteignung der Kommunistischen Partei. Die Börsianer zogen damals in das Gebäude des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei ein, zusammen mit Banken und einigen Finanzdienstleistern. So wurde aus dem planwirtschaftlichen Symbol in der Warschauer Innenstadt bald eines für Polens erwachenden Volkskapitalismus. Der musste zu Anfang noch herbe Rückschläge einstecken: Nur fünf Firmen waren anfangs notiert, deren Aktien nach dem Zerfall des Comecon in den Keller sackten. Richtig begeistern für die Börse konnten sich die Polen erst Mitte der neunziger Jahre.

Nach dem Beschluss der Regierung sollen nach der Privatisierung die Angestellten fünf Prozent der Aktien erhalten, 30 Prozent sollen an Finanzinstitute, Maklerhäuser und an der Börse notierte Firmen gehen, die Regierung will 25 Prozent plus eine Aktie als strategische Beteiligung halten, mit der eine Schließung oder Verlegung der Börse verhindert werden soll. Der Euronext-Vorstandsvorsitzende Jean Francois Theodore bestätigte in Amsterdam Gespräche mit der Warschauer Börsenführung. Euronext wolle wachsen und strebe auch ein Zusammengehen mit den Börsen in Porto und Lissabon an.

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