Wirtschaft : Politik verhagelt die Kurse an den Aktienmärkten

DANIEL RHEE-PIENING

Das erste Quartal 1999 würde schwierig werden, soviel war den meisten Anlegern in deutschen Aktienwerten klar.Die Unsicherheit über die Pläne der Bundesregierung, die verbalen Attacken des ehemaligen Finanzministers Oskar Lafontaine, dies alles hinterließ Spuren auch im Kurstableau.Die Kursgewinne aus einem fulminanten Start nach der überraschend problemlos verlaufenen Einführung des Euro waren schnell aufgezehrt.Und schließlich erwiesen sich auch die kräftigen Kurssteigerungen nach dem Rücktritt von Oskar Lafontaine als Strohfeuer.Beim Blick über die Grenzen - besonders in die USA und Japan - kann mancher Investor in deutsche Titel neidisch werden.An der Wall Street hat der Dow Jones die Marke von 10 000 Punkten überschritten, in Japan hat eine Erholungsphase begonnen.Doch gerade in Nippon ist noch nicht alles Gold, was glänzt.Wer zur Hoch-Zeit des Nikkei-Index eingestiegen ist, muß noch immer über Verluste klagen.

Mit Blick auf den deutschen Aktienmarkt zeigt sich der Leiter des Research Aktienstrategie bei der Bankgesellschaft, Michael Schubert, besonders enttäuscht über den Rückstand der deutschen Werte gegenüber den anderen europäischen Titeln.Sicherlich habe man einem Abfluß von Liquidität in die Titel des Euro Stoxx 50 erwartet, doch diese Bewegung müßte sich beispielsweise auch der französische Markt zurechnen lassen, wo der Index immerhin um 4,5 Prozent zulegte.Sorgen bereitet Schubert auch die charttechnische Seite.Die 200-Tage-Linie habe im vergangenen August einen Knacks bekommen und davon habe sich der Markt bis heute nicht erholt.Im Augenblick sinke diese Linie sogar wieder.Für die Zukunft ist man bei der Bankgesellschaft zwar für die Bereiche Elektro- und Versorger durchaus optimistisch, und auch einige Werte im Bereich Maschinenbau und Stahl seien ganz interesssant, doch Dreh- und Angelpunkt ist für Schubert die Steuerreform.Hier müsse man erst einmal sehen, wie sie ausfalle.

Schließlich müßten die Anleger auch die Zinsseite im Auge behalten.Kräftigen Rückenwind wie im vergangenen Jahr werde es diesmal nicht geben.Er rechne mit einem Anstieg der Zinsen um etwa 50 Basispunkte auf Jahressicht, was die Aktienmärkte sicherlich verunsichern könnte.

Vor allem politische Gründe für die Entwicklung des Dax nennt man im Hause der Deutschen Bank, Filiale Berlin.Für den Leiter der Vermögensverwaltung, Peter-D.Hansen, ist vor allem die Dauer der zurückhaltenden Entwicklung überraschend, da politische Einflüsse in der Vergangenheit eher kurzfristiger Natur gewesen seien.Die größte positive Überraschung des ersten Quartals sind für ihn die Aktien der Deutschen Telekom, während ihn die Entwicklung bei DaimlerChrysler eher enttäuscht hat.Bei der Fusion schien alles gepaßt zu haben, doch seien diese Vorschußlorbeeren seitdem nicht gerechtfertigt worden.Für das zweite Quartal erwartet Hansen eine positive Entwicklung, da schon eine Vielzahl negativer Faktoren in den Kursen eskomptiert worden sei, und sieht den Dax Ende Juni 1999 bei 5200 bis 5300 Punkten.Hansen warnt aber gleichzeitig vor einer zu starken Focussierung auf ein Land oder allzu ungebremster Euphorie, etwa bei den Titeln des Neuen Marktes oder aus dem Internet-Bereich.Zu den attraktivsten Branchen gehört für ihn derzeit die Telekommunikation und unter längerfristigen Aspekten auch der Pharmabereich.

Auf einen verpaßten Anschluß des Dax weist auch Martin Rottmann, Aktienanalyst bei der Berliner Volksbank hin.Daran konnte für ihn auch die große positive Überraschung, die Entwicklung bei den Papieren der Preussag, wenig ändern.Der Einstieg in die Touristik sei mit Bravour gelungen, stellt Rottman fest.Günstigere Konjunkturaussichten für das zweite Halbjahr 1999 und die noch vorhandene Liquidität der Fondsgesellschaften dürften den Dax bis zu Jahresmitte bis auf 5400 Punkte hieven.Doch Rottmann, warnt auch vor weiterhin großen Schwankungen - ein Test der technischen Marke von 4500 Punkten sei nicht auszuschließen.Konkrete Tips hat Rottmannn parat: die drei Sparten Fernsehen, Multimedia und Merchandising aber auch SAP.

Oliver Janisch, Aktienexperte bei der Schweizer UBS, zu der in Deutschland die Privatbank SMH gehört, stellt ebenfalls vor allem auf die Wirtschaftspolitik in Deutschland ab.Die Entwicklung des Dax entspreche keineswegs den Erwartungen der UBS, die politischen Entscheidungen hätten einen Aufschwung an der Börse verhagelt.Wenn nach dem Abgang von Oskar Lafontaine die Regierung von Bundeskanzler Schröder auf eine angebotsorientierte Politik umschwenke, könne dies zu einer Initialzündung werden.Sonst werde der Dax nicht über das jetzige Niveau herauskommen.Bei der UBS ist man aber zuversichtlich, daß eine Veränderung in der Politik folgt und verweist auf die anstehenden Landtagswahlen in der Bundesrepublik.Im Vorfeld werde die Bundesregierung ihre Steuerpläne konkretisieren.Positivste Überraschung für Janich waren in den ersten drei Monaten die Aktien der Telekom.Diese Papiere habe vor der Kapitalerhöhung im Herbst wohl niemand herunterreden wollen, führt er als Grund für die Kursentwicklung an.Als größte Enttäuschung bezeichnet er die Kursentwicklung bei den Aktien von SAP.Worauf sollte man setzen? Sicherlich hätten RWE in jüngster Zeit arg gelitten und deshalb Nachholbedarf.Die Entwicklung bei der Datenübertragung über das Stromnetz eröffne zudem Potential.Unterbewertet seien gegenwärtig wohl auch noch die Versicherungstitel.

Beim Bankhaus Löbbecke ist man eine sehr internationale Strategie gefahren."Wir haben unsere deutschen Anlagen Anfang Januar komplett verkauft, und sind erst kürzlich bei Dax-Ständen von 4720 an in drei Stufen wieder eingestiegen", sagt Hans Jakob, Leiter des Research.Ähnlich deutlich verhielt sich die Privatbank bei den Anlagen in US-Dollar.Die Prognose für den Höchststand des Greenback 1999 lautete 1,80 DM.Als die US-Devise einen Kurs von 1,79 DM erreicht hatte, wurden die Anlagen verkauft.Für das zweite Halbjahr erwartet Jakob, daß sich der deutsche Markt am besten von allen europäischen Aktienmärkten entwickeln wird.Er setzt dabei vor allem auf die Steuerreform, die unternehmensfreundlich ausfallen werde.

Von der Conrad Hinrich Donner Bank bekommt das Management von Degussa Hüls schlechte Noten.Die Informationen zur Fusion hätten bessere Ergebisse vorgetäuscht und in der Folge seien die Anleger "verprellt" worden, so Prokurist Thomas Stuwe.Er ist vorsichtiger, was die weitere Entwicklung des deutschen Aktienbarometers angeht.Stuwe sieht den Dax bei 5150 Punkten und führt unter anderem den möglichen Einsatz von Bodentruppen der Nato im Kosovo als hohes Kursrisiko an.Der Anleger sollte Unternehmen kaufen, die ein gutes Management besitzen und solide Kennzahlen vorweisen können.Er sollte Unternehmen meiden, die vom Export wenig profitieren und konsumlastig sind.Größeres Potential sieht Stuwe bei der Preussag, wofür er, wie seine Kollegen, den Wandel hin zum Tourismus anführt und darüber hinaus bei Mannesmann und Deutsche Telekom.

Bei Gries & Heissel schließlich gibt der Geschäftsführer, Andreas Fellmann, den Kunden den Ratschlag, auf weltweite Streuung zu achten.Vorsicht sei bei Titeln des Neuen Marktes geboten.Bei dieser Privatbank ist man besonders vorsichtig: Der Dax sollte am Ende des zweiten Quartals bei 5050 Punkten stehen, meint Fellmann.Als Gründe für die bisher relativ schwache Entwicklung der Deutschen Aktien führt Fellmann die Unsicherheit der Unternehmen über die bisherige Steuerpolitik an.Auch die Jugoslawienkrise sei so nicht vorhersehbar gewesen.Potential sieht Fellmann bei Pharma- und Versorgungswerten.

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