Porsche-Betriebsratschef : Der Boxermotor

100 Kilo, harte Fäuste, Riesenmundwerk: Damit hilft er Menschen, die sich selbst nicht helfen können. Gerhard Schröder zum Beispiel. Oder Einwanderern. Vor allem aber 12.000 Porsche-Mitarbeitern, denn Uwe Hück ist ihr Betriebsratschef. Nun interessiert sich die große Politik für ihn.

Alfons Frese
Hueck
Uwe Hück (r.) in seiner Funktion als ehrenamtlicher Kampfsportausbilder. -Foto: Franziska Kraufmann

PforzheimWie bei den Marines. „Weiter, tiefer, höher“, brüllt der Glatzkopf. Die Jungs sind schon platt, müssen aber in der Hocke bleiben und wippen. Wippen nach den gebrüllten Anweisungen des Ausbilders. „Eins, zwei, drei … bis zehn.“ Dabei die schweren Arme mit den Boxhandschuhen ausstrecken. Bei acht schnauft der Schleifer: „Wo war ich stehen geblieben, bei vier?“ Und macht bei vier weiter, stoppt dann bei sieben. „Wo war ich stehen geblieben, bei drei?“ Und mit drei geht’s weiter und wippen und wippen und die Arme raus. „Wie geht’s euch?“, schreit der Wüstling, selbst außer Atem. Keine Antwort. Die Jungs keuchen.

In der Johanna-Wittum-Schule zu Pforzheim versammeln sich zweimal die Woche junge Männer zum Freizeitsport. Freiwillig. Das Geschrei des Vorkämpfers stört auch nicht weiter. Im Gegenteil. „Find ich gut, das motiviert“, sagt ein 22-Jähriger. Nach dem Duschen wird einer nach dem anderen zum Drillmeister kommen und sich mit angedeutetem Wangenkuss verabschieden. Schön wird’s wieder mal gewesen sein in der kleinen Turnhalle. Einer wird leicht aufs Auge bekommen haben, aber ansonsten alles bestens.

"Nicht in die Eier"

Uwe Hück, 46 Jahre alt, hat den Jungspunden gezeigt, wo der Hammer hängt. Und das quasi einarmig. „Ihr habt’s Glück. Mein linker Arm ist kaputt, deshalb bin ich nicht so fit.“ Vor einer Woche ist beim Training eine Muskel faser im Bizeps ge rissen, die Stelle ist bandagiert. Hück trainiert trotzdem, er hat ja genug Muskeln. „Nach 35 Jahren Kampfsport kenne ich meinen Körper.“ Und wenn der in Fahrt kommt und in voller Bewegung auf den Gegner trifft, tretend und schlagend, dann kann man sich schon Sorgen machen um die jungen Männer. „Nicht in die Eier“, schreit der Kraftbolzen einen sich etwas ungestüm verteidigenden Schüler an und tritt ihm vor die Hüfte. Dahin, wo’s erlaubt ist.

Uwe Hück ist Betriebsratschef von Porsche. Dieser ziemlich kleine Nischenautobauer mit seinen 12 000 Mitarbeitern kauft sich gerade VW, den größten Autohersteller Europas mit 330 000 Beschäftigten in aller Welt. Und Betriebsrat Hück hat mit Porsche-Chef Wendelin Wiedeking eine sogenannte Mitbestimmungsvereinbarung abgeschlossen, die aus Sicht der VWler mies ausgefallen ist. Wiedeking/Hück bestimmen über Volkswagen – diese Befürchtung haben sie in Wolfsburg, und sie hat zu einem erbitterten Streit geführt zwischen Hück und seinem VW-Betriebsratskollegen Bernd Osterloh. Ende offen.

Als Betriebsratsboss ist Hück auch Aufsichtsrat der Porsche Holding, unter deren Dach VW angesiedelt ist. Der gelernte Lackierer Hück sitzt als Stellvertreter neben Wolfgang Porsche, dem Aufsichtsratsvorsitzenden und Sohn des legendären Ferry Porsche. Hück redet jetzt ganz oben mit – und bleibt doch lieber unten. „Wenn mich der Herr Porsche einlädt, oben auf dem Schloss zu übernachten, dann lehne ich dankend ab. Ich gehe runter ins Zelt und schlafe bei meinen Leuten. Da ist es auch wärmer, und keiner läuft mit dem Messer unter der Jacke rum.“ Hück hat Erfahrung mit Menschen.

Uwe war der Arsch. Er begann, sich zu wehren

Als Uwe Hück zwei Jahre alt war, starben seine Eltern bei einem Verkehrsunfall. Er und seine drei Geschwister wuchsen im Heim auf. So gut wie täglich gab es Hänseleien und Gemeinheiten in der Schule. Uwe war der Arsch. Er begann, sich zu wehren. „Wenn du dich nicht wehrst, wirst du beschissen.“ Lernte Taek wondo und Boxen, dann die Verbindung aus beidem, Thaiboxen. Anfang der 80er war er Europameister. Neben dem Sport machte er die Lackiererausbildung, ging zu Porsche, wurde Betriebsrat, schließlich Betriebsratsvorsitzender. „Ich will Menschen helfen, die sich selbst nicht gut helfen können.“

Gerhard Schröder zum Beispiel. Den lud Hück 2004 zu einer Porsche-Betriebsversammlung nach Stuttgart-Zuffenhausen ein, damals, als auf Montagsdemos gegen die Hartz-Politik des Bundeskanzlers mobilisiert wird. Eine Solidarmaßnahme für Gerd, bei Porsche gab es Zuspruch.

Vorbild Herbert Wehner

Hück ist seit 1982 in der SPD. Sein Vorbild ist Herbert Wehner, ein berüchtigter Redner wie Hück selbst. „Wir ecken an, von der Sprache her“, sagt Hück. Aber er schätzt auch Willy Brandt („Wo der in Polen sich hingekniet hat“) und Helmut Schmidt („Der sagt die Wahrheit, deshalb ist der so beliebt“). Seinen Respekt vor so unterschiedlichen Typen erklärt er mit einem dieser Bilder, die Hück schneller raussprudelt, als er eine Links-rechts- Kombination schlägt. „Der Herrgott hat sich doch nicht gesagt, ich mache jeden Apfel gleich rund.“

Der ehemalige Sonderschüler kann quatschen wie kein Zweiter. Auf die Frage, ob ihr Trainer besser kämpfen oder reden könne, entscheiden sich seine Schüler für die zweite Variante. Hück selbst erzählt gern die Geschichte vom SPD-Parteitag 2005, als er mit einer Rede die Delegierten in Wallung brachte. Anschließend soll Franz Müntefering zu ihm gesagt haben, wenn er noch zehn Minuten weitergemacht hätte, dann wäre er zum SPD-Chef gewählt worden. Wahrscheinlich traut Hück sich das sogar zu.

Heute lacht keiner mehr über den Muskelmann

Vor fünf Jahren, als Hück im Machtkampf um die Spitze der IG Metall Stellung gegen den damals designierten Vorsitzenden Jürgen Peters bezog, lachte die halbe Gewerkschaft sich schlapp über den tollpatschigen Muskelmann. Das ist vorbei. Hück wird längst respektiert als aufrichtiger Interessenvertreter, der mit unheimlich viel Herzblut bei der Sache ist. Seit Jahren im Betrieb und künftig in der großen Politik. Am Dienstag hat SPD-Chef Müntefering mit ihm über den anstehenden Bundestagswahlkampf gesprochen.

Die heutige Generation kenne die SPD nicht richtig, sagt Hück. Dabei seien es Sozialdemokraten, die in den vergangenen 140 Jahren immer mal wieder für die Freiheit ins Gefängnis gegangen sind. „Da müssen wir vorpreschen, das müssen wir den jungen Leuten erklären. Freiheit heißt sich entwickeln können.“

"Wir in der SPD sind Indianer"

Die SPD sollte stärker in soziale Brennpunkte reingehen, sagt Hück, den jungen Menschen bei Bewerbungen helfen oder Nachhilfeunterricht anbieten. Solche Sachen hat er „mit dem Franz“ besprochen. Hück wird wohl im Wahlkampfteam dabei sein. „Ich trete da auf, wo ich erwünscht bin“, sagt er in ungewohnter Bescheidenheit. Wenn die Sozis nur richtig kämpfen würden, also mit ihm, dann sei alles möglich. Bloß nicht zu viel mit der Linkspartei und Lafontaine beschäftigen. „Wir in der SPD sind Indianer“, sagt Hück über seinen Stamm. „Wenn einer vom Pferd fällt, dann reiten wir zurück und helfen ihm auf. Wenn bei Lafontaine einer vom Pferd fällt, dann überlegt der Oskar, wie er das Pferd verkaufen kann.“

Hück hat ein großes Maul, ein Maulheld ist er nicht. In den 70er Jahren hat er mit der Caritas zusammen vietnamesische Boatpeople betreut, die es nach Pforzheim verschlagen hatte. Damals lernte er seine heutige Frau kennen, die aus China stammt. Und seine zwei Adoptivsöhne. Deren Mutter, schwer zuckerkrank, kam in ein Krankenhaus, die zwei Jungs wurden in ein Kinderheim gesteckt – es war dasselbe Kinderheim, in dem auch Hück gewesen war. Er nahm die beiden zu sich nach Hause und adoptierte sie später. Laman, 29 Jahre alt, Lackiermeister bei Porsche, trainiert mit „Paps“ Thaiboxen. Ob der Vater wohl einen guten Politiker abgebe? „Klar“, sagt Laman, „er kann ja gut quatschen.“

Der Vater ist Vorsitzender des FSV Pforzheim-Buckenberg, ein als Integrationsstützpunkt ausgezeichneter Sportverein. Erfahren und engagiert bei der Aufnahme vor allem russischstämmiger Einwanderer. Hück sammelt häufig Geld für den Verein und überhaupt für soziale Anliegen und ist dabei sehr erfolgreich. „Warum geben die Leute ihr Geld? Die denken, sonst hört der nicht auf zu reden.“

Hücks größte Sorge: Bloß kein Weichei werden

100 Kilo Hück und ein Riesenmundwerk. Sechsmal die Woche trainiert er den wuchtigen Körper, meistens zu Hause in der eigenen Folterkammer, zwei Abende mit den Jungs in der Schule. Uwe Hück ist über den Kampf groß und stark geworden. „Stimmt’s, wir boxen uns durch“, ruft er dem Nachwuchs sein Lebensmotto zu, das auch ihres sein soll. Bloß kein Weichei werden, das ist Hücks größte Sorge. Was ist ein Weichei? „Jemand, der nicht kämpft.“

Hück fährt nie in Urlaub. Er bleibt zu Hause, macht Sport, tut was für den Verein. Dies und das. Immer unter Dampf. „Ich will keine Pause.“ Kein Interesse zum Beispiel an der Toskana, wo sich doch die Genossen so gerne beim Rotwein erholen? „Was soll ich da? Gibt’s da ein Rednerpult?“

Er betet morgens und abends

Hück grinst. Vielleicht war er schlau oder auch nur vorsichtig, als er sich vor mehr als 20 Jahren nicht seinem alten Kumpel und Sportkameraden René Weller anschloss. Der auch aus Pforzheim stammende Boxer rutschte im Milieu aus, landete sogar im Gefängnis. „Ich wollte mich nicht in der Szene rumtreiben“, sagt Hück heute. Er wurde Buddhist und betet jetzt morgens und abends.

Natürlich hängt das zusammen mit seiner Frau und dem Thaiboxen. Und mit der evangelischen Kirche, der Hück angehörte. Die erlaubte sich einmal eine Schofeligkeit. Eine Witwe wollte zur Beerdigung ihres Mannes die Glocken läuten lassen und sollte dafür 220 Mark an die Kirche zahlen. Die Witwe hatte das Geld aber nicht, also gab es kein Geläut. Hück ärgerte sich und trat aus der Kirche aus. Jetzt trägt er eine Kette mit Buddhafigur um den großen Hals. Schließlich ist der Buddhismus „der einzige Glaube, wo kein Krieg gemacht hat“.

Hücks Philosophie ist abgeleitet aus 46 Jahren Hück. „Wenn du akzeptierst, dass du ein Mensch bist und eine Meinung hast, dann musst du kämpfen und darfst nicht aufgeben. Und wenn man was erreichen will, dann muss man was dafür tun.“ Klar Jungs? „Wenn er 50 ist, wollen wir ihn schlagen“, sagt ein gebürtiger Serbe, seit sieben Jahren bei Hück im Training. „Nur Spaß“, schickt er schnell hinterher, als Hücks ohnehin schon schmale Augen noch schmaler werden, das Gesicht sich zur asiatisch anmutenden Kämpfervisage verzieht.

Ob er sich oft geprügelt hat im Leben? „Ja klar“, sagt Hück und wundert sich über die Frage. Als Heimkind geht das nicht anders.

"Man brüllt sich schon mal an, und schätzt sich."

„Ich bin kein guter Techniker gewesen“, trotzdem war er zweimal Europameister. „Ich habe nie aufgegeben, mich musstest du totschießen.“ Und das ist heute noch so. „Die Vorstände wissen das. Wenn es ungerecht zugeht, dann komme ich auch mit der Tür in der Hand rein.“ Mit „dem Dr. Wiedeking“, dem Porsche-Chef, versteht er sich, man brüllt sich schon mal an, und schätzt sich.

„Warum läufst du weg, gibt es da Freibier?“, ruft Hück hinter einem im Zweikampf zurückweichenden Schüler her. „Und macht mit dem Kopf, nicht wie ein Stier.“ Das Denken nicht vergessen beim Kämpfen. Paff, paff, paff knallen Handschuhe vor Oberkörper, gepolsterte Füße und Schienbeine vor Unterkörper. Konzentriert, keuchend, schwitzend, auf den nächsten Befehl wartend. Zwei Jungs lachen und wechseln ein paar Sprüche. Das ist verboten, weil es zulasten der Konzentration geht. „Wer zu viel redet, hat zu viel Kraft“, ruft Hück. Er muss es wissen.

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