Wirtschaft : „Porsche ist der sozialste Arbeitgeber“

Uwe Hück, Betriebsratschef bei Porsche, über den Erfolg des Sportwagenherstellers, Vorstandschef Wiedeking und die Tarifverhandlungen

-

Herr Hück, wie geht es Porsche?

Porsche geht es sehr gut. Unsere Geschäftszahlen spiegeln das eindrucksvoll wider. Mit 911, Boxster und Cayenne haben wir die richtigen Produkte. Stimmung und Motivation in der Belegschaft sind hervorragend. Es gibt wahrlich keinen Grund zu klagen.

Porsche verkauft sehr viele Autos auf dem amerikanischen Markt. Macht Ihnen da der starke Euro Angst?

Angst nicht, aber wir beobachten die Entwicklung des Dollars natürlich sehr aufmerksam. Zum Glück haben wir eine Finanzabteilung, die weit in die Zukunft denkt und den Dollar bis Mitte 2007 abgesichert hat. Auf dieser Grundlage können wir unsere Aktivitäten in Nordamerika ruhiger planen. Das ist schon deshalb ein großer Vorteil, weil die USA für Porsche der mit Abstand wichtigste Markt sind. Im vergangenen Jahr haben wir dort mehr als 30000 Fahrzeuge abgesetzt. Das beste Ergebnis seit 1986.

Ohne den Geländewagen Cayenne sehe es allerdings deutlich schlechter aus.

Langsam. Wer sich mit Modellzyklen auskennt, weiß, dass die hohen Absatzzahlen beim 911 und Boxster, die wir in den vergangenen Jahren erzielt haben, so nicht mehr zu halten waren. Der Elfer befindet sich jetzt im siebten Produktionsjahr, der Boxster im achten. Der Cayenne kam deshalb genau zu dem Zeitpunkt, für den er geplant wurde. Und dass er so gut ankommt, freut uns natürlich ganz besonders.

Auch wegen des Cayenne-Erfolgs hat das Automagazin „Auto Motor Sport“ Porsche-Chef Wendelin Wiedeking zum besten deutschen Automanager gekürt. Zu Recht?

Das ist so, als würden Sie mich fragen: „Ist Ihre Frau die Beste?“ In Anwesenheit meiner Frau würde ich immer mit Ja antworten. Aber im Ernst: Dr. Wiedeking ist für mich der sozialste Arbeitgeber, den ich kenne. Wenn er in die Fabrik kommt, dann sucht er sofort den Kontakt zu den Kollegen am Band. Er hat immer ein offenes Ohr für sie. Wiedeking hat das, was viele andere nicht haben: soziale Kompetenz.

Und was hat er nicht?

Geduld. Er macht permanent Druck. Das ist nicht immer leicht. Außerdem dreht er jeden Euro zweimal um. Aber das ist o.k., als Vorstandsvorsitzender muss er verantwortungsvoll mit dem Geld umgehen. Doch was ihn von anderen Managern abhebt, ist die Verantwortung für das Gemeinwesen. Wiedeking bekennt sich dazu, dass Unternehmen auch Steuern zahlen sollen. Und für unser Cayenne-Werk in Leipzig haben wir keine Subventionen verlangt. Dieses Geld sollte viel mehr in soziale Einrichtungen fließen. Wo gibt es denn heute noch so etwas?

Wiedeking wird vor allem von den Aktionären gemocht; im vergangenen Jahr hat Porsche einen Rekordgewinn eingefahren. Haben die Mitarbeiter auch was davon?

Ja. Der Betriebsrat hat eine Sonderzahlung von 3000 Euro für jeden tariflich bezahlten Porsche-Mitarbeiter ausgehandelt. Für jeden, egal ob Küchenfrau oder Ingenieur. Darauf bin ich persönlich sehr stolz.

Und der Ingenieur akzeptiert diese Gleichmacherei?

Sofern er tariflich bezahlt wird, ja. Für die Übertariflichen bei Porsche gibt es natürlich den Bonus, die jährliche individuelle Leistungszulage. Wir haben bei Porsche ja keinen Sozialismus. Wer mehr Verantwortung trägt, bekommt auch einen höheren Zuschlag. Das finde ich fair.

Die Porsche-Belegschaft wollte in der diesjährigen Tarifrunde eine Forderung von 5,5 Prozent, die IG Metall verlangt nun vier Prozent. Sind die Porsche-Metaller jetzt sauer?

Überhaupt nicht. Wir machen einen Flächentarif und keinen Porsche-Tarif. Deshalb müssen wir Rücksicht nehmen auf die anderen Unternehmen, denen es nicht so gut geht. Das wissen auch die Porsche-Mitarbeiter.

Porsche ist der profitabelste Autohersteller der Welt, dagegen kommt zum Beispiel Opel seit Jahren nicht aus den roten Zahlen. Warum muss Opel die gleiche Tariferhöhung zahlen wie Porsche?

Wir wollen einen Flächentarif, weil er eine friedensstiftende Funktion hat. Und im Rahmen dieses Flächentarifs bilden wir den Durchschnitt ab, damit sowohl die gut als auch die schlecht verdienenden Firmen damit leben können. Und im Übrigen: Wenn der Opel-Mitarbeiter zum Bäcker geht, dann zahlt er für das Brot genauso viel wie der Porsche-Mitarbeiter.

Zur Philosophie des Flächentarifs gehört auch, dass er nur Mindestbedingungen festschreibt, die für alle gelten.

Deshalb bin ich persönlich auch für den so genannten Tarifvertrag der Zweistufigkeit: Es wird eine einheitliche Entgeltlinie für alle festgeschrieben – und zusätzlich, je nach Ertragslage des Unternehmens, eine Einmalzahlung ausgeschüttet. Das ist für mich die Zukunft. Aber leider habe ich mich mit dieser variablen Sonderzahlung in der IG Metall bisher nicht durchsetzen können. Ich lass’ da aber nicht locker.

In der aktuellen Tarifrunde haben sich die Arbeitgeber auf eine Öffnungsklausel für die Betriebe zur Verlängerung der Arbeitszeit versteift. Was spricht dagegen?

Der Tarifvertrag über die Arbeitszeit läuft bis 2006. Man kann nicht während der Laufzeit eines Vertrages herkommen und das verändern wollen. Damit setzen wir die Planungssicherheit der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer aufs Spiel, weil die Verträge dann überhaupt nichts mehr wert sind. Und darunter würde die soziale und politische Stabilität in unserem Land langfristig leiden.

Man kann doch einvernehmlich Verträge vorzeitig verbessern.

Einvernehmlich, ja sicher. Ich bin auch dafür, dass wir über Arbeitszeiten diskutieren. Aber das Thema Arbeitszeit muss geordnet angegangen werden. Aktuell verhandeln wir über Lohn und Gehalt. Unsere Mitglieder würden nicht verstehen, wenn wir uns auch noch mit der Arbeitszeit befassen würden.

Aber die Mitglieder arbeiten in den vielen betrieblichen Bündnissen doch schon länger – auch ohne mehr Geld zu bekommen.

Das ist nicht vergleichbar. Bei den Bündnissen geht es um die einzelbetriebliche Reaktion auf eine Notlage und bei der Öffnungsklausel um eine flächendeckend andere Arbeitszeitregelung. So etwas kann man nur machen, wenn die Mitglieder das mittragen. Reformen gegen die Belegschaft und gegen die eigenen Gewerkschaftsmitglieder funktionieren nicht.

Also hat die IG Metall noch internen Diskussionsbedarf?

Das Thema ist kompliziert, und deshalb gibt es in der IG Metall auch noch keine einheitliche Auffassung. Wir müssen das richtig diskutieren, um unsere 2,5 Millionen Mitglieder mitnehmen zu können. Ich empfehle deshalb, die Lohnrunde schnell abzuschließen und sich dann in aller Ruhe mit der Arbeitszeit zu befassen – zuerst in der IG Metall selbst und dann mit den Arbeitgebern.

Können Sie das Argument der Arbeitgeber verstehen, durch mehr Flexibilität bei der Dauer der Arbeitszeit die Kosten zu drücken und dadurch wettbewerbsfähiger zu werden?

Nein! Wir bei Porsche zum Beispiel haben eine Flexibilität, die gibt es nirgendwo sonst. Wenn sich die Auftragslage deutlich verändert, dann kann ich innerhalb einer Woche die Arbeitszeit hochfahren oder reduzieren. Das sollten sich einige mal etwas genauer ansehen. Da kann man wirklich was lernen.

Die Arbeitgeber nennen als Vorbild immer den Schiffbauer HDW, wo die Beschäftigten mehr als 200 Stunden extra arbeiten, also unbezahlt. Das ermöglichte der Firma eine andere Kalkulation, so dass ein 130-Millionen-Auftrag eingeholt werden konnte.

Das bereitet mir schon Bauchschmerzen, denn die Menschen sollen für ihre Arbeit Geld bekommen. Von diesem Grundsatz dürfen wir nicht abrücken, denn das führt uns nicht weiter. Wir brauchen Spitzenprodukte, die von Fachleuten in effizienter Arbeit produziert werden. Umsonst arbeiten bringt nichts. Aber natürlich: Ohne eine gewisse Flexibilität geht heute nichts mehr. Das weiß selbst die IG Metall.

Was passiert, wenn die Verhandlungsführer der IG Metall in den nächsten Wochen einen Tarifvertrag mit Öffnungsklausel und Arbeitszeitkorridor abschließen?

Salopp gesagt: Dann fliegt ihnen der Laden um die Ohren.

Hat der Laden, also die IG Metall, die Führungskrise des vergangenen Jahres überwunden?

Wir haben wieder an Stabilität innerhalb unserer Organisation gewonnen. Allerdings fehlen noch Antworten auf die zukunftsweisenden Fragen, wie zum Beispiel über den Tarifvertrag der Zweistufigkeit. Auch kann niemand erwarten, dass wir die Niederlage im Arbeitskampf Ost innerhalb von sechs Monaten überwinden. Da hat es Wunden gegeben, die müssen noch verheilen.

Und als gesellschaftspolitische Kraft bekommt die IG Metall auch wieder Gewicht?

Wir haben gegenwärtig nicht die Stärke, um gesellschaftlich gestalten zu können und auch Verantwortung zu übernehmen. Aber ich bin überzeugt, dass wir das wieder schaffen. Uns bleibt auch gar nichts anderes übrig.

Wie funktioniert das Führungsduo Peters/Huber?

Ich glaube, dass wir mit Beiden nach vorne kommen können.

Was fahren Sie eigentlich für ein Auto?

Porsche.

Welchen?

Den 911 – so wie sich das gehört. Immerhin repräsentiere ich ja auch das Unternehmen. Ich bin stolz, dieses tolle Auto, das meine Kollegen entwickeln und bauen, fahren zu dürfen.

Als Dienstwagen?

Nein, ich habe das Auto geleast und zahle selbstverständlich meine Raten. Aber zugegeben: Es wird nicht viele Betriebsräte in Deutschland geben, die Porsche fahren. Ich bin wohl ein Exot.

Das Gespräch führte Alfons Frese.

0 Kommentare

Neuester Kommentar