Porsche und VW : Wolfsburg ist Meister

Volkswagen zwingt Porsche in die Knie: Der Wolfsburger Konzern unterstrich am Wochenende seinen Führungsanspruch und sagte ein Treffen mit Porsche ab. Der Chef des neuen Konzern soll Martin Winterkorn werden. Derweil wollen am Montag Arbeiter von Porsche auf die Straße gehen - gegen VW.

Henrik Mortsiefer
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Kugelporsche und VW-Boss: Martin Winterkorn im Januar bei der Eröffnung des Porsche-Museums in Stuttgart-Zuffenhausen. Foto: ddp

Berlin - Die Enttäuschung war in der kleinen Meldung der „Chattanooga Times“ nicht zu überlesen: VW-Chef Martin Winterkorn könne leider nicht persönlich dabei sein, wenn in der 160 000-Einwohner-Stadt im Bundestaat Tennessee der Baubeginn für das erste Volkswagen- Werk in den USA gefeiert werde. Der Grund: wichtige Termine in Deutschland, die mit der geplanten „Fusion von VW und Porsche“ zu tun hätten. „Das ist eine folgenschwere Zeit für den Konzern“, wird eine VW-Sprecherin zitiert.

So kann man es auch sagen. Der Wolfsburger Konzern unterstrich am Wochenende seinen Führungsanspruch und sagte ein für den heutigen Montag anberaumtes Treffen mit Porsche auf Arbeitsebene ab. Derweil tagt heute der Aufsichtsrat von Porsche und wollen Porsche-Beschäftigte an drei Standorten gegen VW demonstrieren.

Keine Frage: Martin Winterkorn wird jetzt nicht in Tennessee gebraucht, sondern zu Hause und das dringender denn je. Denn der seit Anfang 2007 amtierende VW-Chef, der am kommenden Sonntag 62 wird, verhandelt gerade mit den Familien Porsche und Piëch über den Zuschnitt des neuen, größeren Autokonzerns, in dem VW und Porsche künftig gemeinsam ein großes Rad drehen wollen – und dessen Vorstandsvorsitzender Martin Winterkorn heißen soll. So will es Ferdinand Piëch, der VW-Aufsichtsratschef und Porsche-Miteigentümer. „Winterkorn ist der Bessere für VW“, hat er unlängst bei einem denkwürdigen Abendessen in Olbia auf Sardinien verkündet. „Wiedeking war der Bessere für Porsche.“ Hinter Piëchs unerwartet deutlichen Worten steht der Anspruch, im neuen Autokonzern künftig das Sagen haben zu wollen. Das facht den Streit der Autobauer, die mehr denn je aufeinander angewiesen sind, neu an.

Doch die Finanzkrise ist über Porsche längst hinweggerollt. Die Vergangenheit gehörte Wendelin Wiedeking, dem großspurigen Porsche-Chef, der VW übernehmen wollte und scheiterte. Die Zukunft gehört dem Schwaben Martin Winterkorn. Das dürfte er selbst auch so sehen. Aber der Piëch-Vertraute ist geschickt genug, mit seinen Pfunden jetzt nicht zu wuchern, wenn alles noch im Fluss ist. Das erledigen andere schon: „Martin Winterkorn versteht Volkswagen. Er denkt und lebt VW – auch unter den besonderen Rahmenbedingungen, die für diesen Konzern gelten“, sagt Olaf Glaeseker, Staatssekretär und Sprecher von Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) – Niedersachsen ist Großaktionär bei VW mit gut 20 Prozent. Mit den „besonderen Rahmenbedingungen“ hat sich der begeisterte Fußballfan Winterkorn tatsächlich in den vergangenen Jahren gut arrangiert. Das im VW-Gesetz verankerte Vetorecht des Landes, die Macht des Betriebsrates und der Gewerkschaften, der starke Einfluss der Familien Porsche und Piëch – Winterkorns Position stand trotz dieser komplizierten Machtkonstellation nie infrage. Der frühere Audi-Chef hat VW mit 360 000 Mitarbeitern vielmehr zu einem der erfolgreichsten Autokonzerne der Welt gemacht. Selbst in der Krise schlägt er sich wacker, auch dank der Abwrackprämie. „Er ist weltweit einer der besten Manager in der Autoindustrie“, sagt Frank Schwope, Autoanalyst der NordLB. „Winterkorn hat VW gut geführt, und er wird es auch in den kommenden fünf Jahren tun.“

Mit neun Marken (VW, Audi, Seat, Skoda, Bentley, Bugatti, Lamborghini, VW Nutzfahrzeuge, Scania) ist Volkswagen gut aufgestellt, um in verschiedenen Märkten und bei allen Zielgruppen präsent zu sein. Das erklärte Ziel: Toyota an der Weltspitze ablösen. Winterkorn, der von sich behauptet, jede Schraube eines VWs zu kennen, hat den Konzern diesem Ziel ein gutes Stück näher gebracht. In China zum Beispiel ist VW Marktführer und verkauft inzwischen mehr als eine Million Autos. Auch das Versäumnis, auf dem größten Automarkt, den USA, nur schwach vertreten zu sein, wendet sich in der Autokrise nun zum Glücksfall. Mit dem Werk in Chattanooga, das 2011 fertig sein soll, bessert Winterkorn auch hier nach – vielleicht sogar zur rechten Zeit. Denn die Wettbewerber Mercedes und BMW leiden in den USA gerade besonders stark.

Käme Porsche als zehnte Marke im VW-Konzern hinzu, ergäben sich freilich Überschneidungen mit der sportlich aufgestellten Marke Audi, die Winterkorn besonders am Herzen liegt. Beim Ingolstädter Autokonzern begann 1981 die Karriere des promovierten Metallphysikers im VW-Konzern – und der gemeinsame Weg an der Seite von Piëch, damals Audi-Chef. 1988 beruft der Patriarch Winterkorn zum Bereichsleiter Qualitätssicherung, 1993 wird Piëch VW-Chef und holt Winterkorn nach Wolfsburg. Als Vorstandsmitglied ist er zunächst verantwortlich für die VW-Fahrzeugentwicklung. 2002 wird er Vorstandschef der VW-Tochter Audi. Seine Krönung als VW-Chef findet am 1. Januar 2007 statt.

Dass sich die technikverliebten Ingenieure Piëch und Winterkorn von Porsche-Chef Wendelin Wiedeking nichts diktieren lassen würden, war schon klar, als Wiedeking und sein Finanzvorstand Holger Härter noch siegessicher mit VW-Aktien jonglierten. Trotzdem schienen die Wolfsburger im vergangenen Jahr in der Defensive. Das hat sich geändert: „Wir wissen, was wir wollen“, ist im VW-Konzern zu hören. „Auf der anderen Seite weiß man es nicht. Da wird von den Porsches, Piëchs und von Wiedeking in drei Richtungen gezogen.“ Wer, so fragt man sich in Wolfsburg, hat in Stuttgart eigentlich ein Verhandlungsmandat? Wiedeking jedenfalls ist bemerkenswert ruhig geworden. Zu seinen wenigen Wortmeldungen zählte das Angebot an VW, als künftigen gemeinsamen Konzernsitz nicht Stuttgart zu wählen – aber auch nicht Wolfsburg. „Allein das Angebot, Volkswagen künftig von Hannover aus zu führen, zeugt von Unverständnis“, ärgert sich Wulff-Sprecher Glaeseker. „Entweder es ist auch künftig Wolfsburg – oder es ist nicht mehr VW.“ Statt selbst zurückzuschlagen, schickt Wiedeking Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück als aufrechten Kämpfer für die Rechte der 12 000 Mitarbeiter des Sportwagenbauers vor. Nebenbei beansprucht Hück nun auch das VW-Gesetz für Porsche – und erntet damit Hohn und Spott bei VW. „Wer früher mit einer so dicken Hose aufgetreten ist, wer nur polarisiert hat, macht heute alles doppelt schwer“, heißt es bei VW. Mit Rambo-Methoden, soll das heißen, kommt man in Wolfsburg nicht weit – das zeige auch Winterkorns Karriere, der in Konflikten zwar auch mal auf den Tisch haue. Aber: „Bei VW rennt man nicht drei Mal gegen die Wand – dann ist der Kopf kaputt.“

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