Porträt : Eine Frau gegen das Software-Imperium

Als oberste europäische Wettbewerbshüterin soll Neelie Kroes Wirtschaftsriesen wie Microsoft im Zaum halten. Bis Donnerstag hat der Softwaregigant aus Redmond Zeit, sich der energischen Holländerin zu beugen.

Brüssel - Neelie Kroes geht die Geduld aus. "Ich habe nicht das ewige Leben", sagte die Wettbewerbshüterin vergangene Woche in Richtung Microsoft. Mit dem US-Softwareriesen liegt die EU-Kommissarin seit ihrem Amtsantritt vor zwei Jahren im Clinch. Nun hat sie dem von Bill Gates gegründeten Konzern erneut ein Ultimatum gestellt. Wenn Microsoft sich bis Donnerstag um Mitternacht nicht bewegt, ist eine Strafe von drei Millionen Euro fällig. Täglich. Und das ausgerechnet zum US-Erntedankfest.

Damit zieht die streitlustige Niederländerin die Zügel noch einmal an. Bereits im Juli hatte Kroes tägliche Millionen-Strafen gegen Microsoft verhängt, die sich auf 280,5 Millionen Euro summieren. Der Softwarekonzern zog dagegen vor Gericht. Schon Kroes' Vorgänger Mario Monti hatte den Konzern im März 2004 zu einem Rekord-Zwangsgeld von fast 500 Millionen Euro verdonnert. Microsoft jedoch bleibt stur: Das Unternehmen verweigere Software-Konkurrenten wie Kunden nach wie vor entscheidende Informationen, klagt Kroes. Ohne die können Alternativ-Programme nicht mit dem Microsoft-Betriebssystem Windows verknüpft werden, das auf neun von zehn Computern weltweit läuft.

"Ich bin die Schiedsrichterin in diesem Spiel, und ich werde hart, aber gerecht sein", sagt Kroes selbstbewusst. Auch immense Summen wie die 50 Milliarden Dollar (41 Milliarden Euro) Umsatz, die Microsoft in diesem Jahr machen dürfte, bringen sie nicht in Atemnot. Große Konzerne flößen der 65-Jährigen mit der Vorliebe für auffällig gemusterte Kostüme und knallrot lackierte Fingernägel ohnehin keine Furcht ein. Ihr Lebenslauf liest sich wie das Who's Who der internationalen Großindustrie. Die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin aus Rotterdam hat für Konzerne wie McDonald's und die US-Rüstungsschmiede Lockheed Martin gearbeitet und saß im Aufsichtsrat europäischer Riesen wie Volvo und Thales.

All diese Posten hat Kroes (deren Name sich "Kruhs" ausspricht) für das mächtige Amt bei der EU-Kommission aufgegeben - und zugesichert, auch später nicht mehr für die Wirtschaft tätig zu sein, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Kritiker spotten, der Verzicht sei ihr nicht schwergefallen, schließlich wird sie am Ende ihrer Amtszeit 2009 bereits 68 Jahre alt sein.

Kroes scheut auch keine Konflikte mit mächtigen Politikern

Dabei scheut "Nickel Neelie", wie die ehemalige Verkehrsministerin in den Niederlanden in Anlehnung an die "Eiserne Lady" Maggy Thatcher genannt wird, auch vor Konflikten mit ranghohen Politikern nicht zurück. Mit Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) liegt sie im Streit, da sie große Energiekonzerne wie RWE und Vattenfall zwingen will, die Kontrolle über ihre Netze aufzugeben - auch im Sinne der Verbraucher, denn die könnten sich bei mehr Wettbewerb über sinkende Strom- und Gaspreise freuen. Die spanische Regierung will sie zwingen, die Übernahme des nationalen Versorgers Endesa durch die Düsseldorfer Eon zu genehmigen. Und sie kündigte an, die öffentlichen Hilfen des Landes Sachsen für das Luftfracht-Drehkreuz in Leipzig unter die Lupe nehmen zu wollen.

Auch das neue Microsoft-Betriebssystem Vista wird Kroes nach dem Marktstart für Großkunden in rund einer Woche genau in seinen Auswirkungen auf die Konkurrenz prüfen. Dabei wird Kroes ihren eisernen Willen brauchen können. Das US-Magazin Forbes, das sie zu einer der 50 mächtigsten Frauen der Welt kürte, sagte ihr schon 2005 voraus: "Sie hat einen steinigen Weg vor sich." (tso/AFP)

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