Wirtschaft : Portugal setzt auf den Partner Deutschland

THOMAS FISCHER

Was wäre Berlin ohne die Portugiesen, die auf zahlreichen Baustellen in der deutschen Hauptstadt arbeiten? Eine Frage, die sich der portugiesische Staatspräsident Jorge Sampaio am Montag zum Auftakt seines fünftägigen Staatsbesuches vielleicht auch gestellt hat.Und nicht nur in der Bauwirtschaft ist Deutschland für das kleine Land im Südwesten der Europäischen Union ein wichtiger Partner.Verständlich, daß es beim Besuch von Sampaio also auch um wirtschaftliche Fragen geht.

Niemand weiß genau, ob 30 000 oder 100 000 Portugiesen auf Baustellen in Deutschland arbeiten.Auch weiß niemand genau, wieviele von ihnen unseriösen Schleppern auf den Leim gingen und keine Löhne bekamen.Aber solche Probleme können das insgesamt positive Bild der bilateralen wirtschaftlichen Beziehungen kaum trüben.

Eine wahre Erfolgsstory rankt sich etwa um den Autosektor.Im vergangenen Jahr liefen bei AutoEuropa, dem rund vier Mrd.DM teuren Gemeinschaftswerk von Volkswagen und Ford, rund 131 000 Großraumlimousinen vom Band.Allein das 1995 eingeweihte Werk nahe Lissabon sichert rund zwei Prozent des portugiesischen Bruttoinlandsproduktes und zehn Prozent der Exporte.

High-Tech bringt auch Siemens ins Land.Erst vor wenigen Wochen wurde bei Porto eine moderne Chipfabrik des deutschen Konzerns eröffnet.Für Portugal, das zur Überraschung vieler Finanzexperten in der Euro-Startgruppe mit dabei ist, auf dem Weg zur realen Konvergenz aber noch einen weiten Weg vor sich hat, spielen solche Projekte eine Schlüsselrolle beim Strukturwandel insgesamt.Ob in der Autobranche oder in der Elektronik, bei der Fertigung von Schuhen oder im Metallbau - in praktisch allen Sektoren sind auch deutsche Unternehmen aktiv.Sie zählen zu den wichtigsten ausländischen Investoren im Land.Als Standortvorteil bietet Portugal nicht mehr nur die niedrigen Löhne, die oft nur rund ein Drittel der deutschen betragen, und vor allem Textil- und Bekleidungsbetrieben zu Aufträgen verhalfen.Als Trumpf spielen die Portugiesen gern den sozialen Frieden, die Zugehörigkeit zum EU-Binnenmarkt und die Möglichkeit, ausländische Investitionen mit EU-Geldern zu fördern.

Im Außenhandel ist Deutschland für Portugal der größte Abnehmer und - nach Spanien - der zweitgrößte Lieferant.Im letzten Jahr summierte sich der Wert der Warenströme in beide Richtungen auf über acht Mrd.DM, mit einem leichten Vorteil für Deutschland.So gut sich auch der Handel entwickelt - in einer anderen Frage ziehen beide Länder nicht am selben Strang.Deutschland will seine Nettozahlungen an die EU reduzieren, für den Nettoempfänger Portugal haben die Brüsseler Gelder in den letzten Jahren aber entscheidende Wachstumsimpulse gebracht.Um sich weiter für den globalen Wettbewerb bereit machen zu können, sieht sich das südliche Land auch weiter auf solche Hilfen angewiesen.

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