POSITION : Geld macht nicht glücklich

Christliche Gebote sind auch auf Finanzmärkten anwendbar

Gert G. Wagner

Die Frage, ob Bank- und Finanzmanager „Sündenböcke“ (Hans-Werner Sinn) oder „Sünder“ (Erzbischof Marx) sind, zeigt, dass die Finanzmarktkrise auch eine äußerst moralische Dimension hat. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat bereits im Sommer darauf hingewiesen, dass es für die Wirtschaft keine Sonderethik gibt. Auch sie hat sich den ethischen Grundsätzen der Gesellschaft unterzuordnen. In ihrer Denkschrift zum „Unternehmerischen Handeln“ weist die EKD zudem darauf hin, dass zum Ordnungsrahmen unserer sozialen Marktwirtschaft auch eine bessere staatliche Regulierung der Finanzmärkte gehört. Freilich ist die Denkschrift so sachlich-abwägend formuliert, dass diese Stimme überhört wurde.

Vor dem Hintergrund der Rhetorik der Wirtschaftswissenschaft, die mehrheitlich seit Jahrzehnten an den Segen der Deregulierung glaubt, haben die meisten Staaten die Banken zu lasch kontrolliert. So konnte sich persönliche Gier erst voll entfalten und Unheil anrichten. Unternehmer und Manager haben sich immer wieder gegen staatliche Regulierungen gewehrt. Sie haben Selbstverpflichtungen, etwa bei der Begrenzung von Managergehältern, als ausreichend propagiert. Und Politiker sind dem gefolgt. Jetzt sollte man alle beim Wort nehmen: Politiker, Manager und Spekulanten können Fehler zügig eingestehen und so nicht nur das eigene Gewissen entlasten, sondern auch eine neue Basis für Vertrauen schaffen.

In der EKD-Denkschrift werden Manager und Unternehmer weder zu Sündenböcken noch zu Sündern erklärt. Aber sie werden – über das Einhalten von Gesetzen und Regulierungen hinaus – deutlich daran erinnert, dass sie persönliche Verantwortung tragen. Die Grundsätze des christlichen Glaubens sind auch in schwierigen Entscheidungssituationen verlässliche Ratgeber. Etwa: „Du sollst nicht lügen“. Und die „Goldene Regel“: „Was du nicht willst, dass dir man tu, dass füg auch keinem andren zu“. Diese Gebote sind auch auf Finanzmärkten voll anwendbar.

Allerdings reicht die „individualethische“ Perspektive nicht aus. Künftige Krisen sind nur begrenzt durch mehr Ethik zu verhindern, sondern vor allem mit einer klugen und strikten weltweiten Regulierung der Finanzmärkte. So steht es unmissverständlich an etlichen Stellen in der EKD-Denkschrift. Durch ihren für Denkschriften üblichen moderaten Ton wird sie aber kirchenintern als Anbiederung der EKD an das Unternehmertum kritisiert. Bei der Sonntagabend beginnenden Tagung der Synode der EKD (des Kirchenparlaments) werden sogar Unterschriften gesammelt werden, damit die EKD ihre Denkschrift „widerruft“.

In der Denkschrift wird in der Tat erst einmal festgehalten, dass die neuartigen Finanzierungsinstrumente auch ihr Gutes haben. Ohne Kredit- und Versicherungsmärkte kann die moderne Welt nicht funktionieren. Wichtig ist allerdings, dass das Geld nicht zum Götzen wird. Denn Geld macht in der Tat nicht glücklich (was die moderne Forschung ja immer besser nachweist). Und zum materiellen Wohlstand muss ein sozial ausgerichtetes Gemeinwesen kommen. Nur dann kann ein gutes Leben gelingen. Da der freie Markt Teilhabe aller an der Gesellschaft und sozialen Ausgleich nicht garantieren kann, ist ein starker Staat notwendig. Dieser muss auch Marktversagen verhindern. Dazu gehört auf den Finanzmärkten die Schaffung von Transparenz, genügend Eigenkapital und eine weltweit koordinierte Bankenaufsicht.

Eine „Devisenumsatzsteuer“, die als Bremse gegen übermäßiges Spekulieren immer wieder gefordert wird (nach ihrem Erfinder „Tobin“-Steuer genannt), wird in der Denkschrift allerdings kritisch gesehen – da es aussichtslos erscheint, dass diese Steuer von allen Ländern eingeführt wird. Außerdem – und das ist noch wichtiger – sind spekulative Finanztransaktionen nicht einfach von „notwendigen Handelsgeschäften“, die nicht besteuert werden, abzugrenzen.

Diese kritische Reflektion, die sachlich richtig ist, dürfte mit dazu beitragen, dass linke Kritiker die Denkschrift aus ideologischen Gründen ablehnen. Richtig ist aber auch: Die Denkschrift ist nicht wortmächtig, da sie versucht ausgewogen zu argumentieren. Dies zeigt wie schwer es ist, sachlich gegen die Vorherrschaft im öffentlichen Diskurs zu argumentieren. Man sollte freilich auch sehen: Ein ausgewogener Diskurs ist auch deswegen notwendig, weil die Kirchen in Deutschland in großen Teilen dem Unternehmertum unangemessen skeptisch gegenüberstehen. Insofern war und ist eine abwägende Denkschrift grundsätzlich sinnvoll. Und sie ermöglicht es der EKD, nun auch deutlich gegen Spekulation und Gier das Wort zu erheben.

Der Berliner Volkswirtschaftler Gert G. Wagner ist Vorsitzender der Sozialkammer der Evangelischen Kirche in Deutschland. Zur Zeit lehrt Wagner am Max Weber Kolleg in Erfurt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben