POSITION : „Jeder kann Akteur werden“

Der Erfolg der Piraten in Berlin wurzelt in einer rasanten Branche

Jörn Hartwig
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Die Piraten entern das erste deutsche Parlament. Und die Überraschung ist groß. Aber ist es wirklich eine Überraschung?

Vielleicht liegt dem Ganzen nur ein Denkfehler zugrunde. Zu lange nämlich wurden die Software-Szene und der Boommarkt Internet vor allem unter ökonomischen Gesichtspunkten diskutiert: Als Wachstumstreiber, Motor für Innovationen, Jobmaschine der Zukunft.

Mit Beifall wird zum Beispiel gerne zur Kenntnis genommen, dass die Mitglieder des Branchenverbandes Bitkom, der rund 90 Prozent des deutschen IT- und Telekommunikationsmarktes repräsentiert, inzwischen stolze 135 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaften und Hightech im Wert von 50 Milliarden Euro exportieren.

Übrigens: Die gleichen Politiker, die sich auf Messen und öffentlichen Terminen gerne mit solchen Bilanzen und innovativen Internet-Unternehmern schmücken, hören relativ schnell weg, wenn die nicht mehr ganz so neue „New Economy“ über gesetzliche Mängel, bürokratische Blockaden, mangelndes Grundverständnis, schleppendes Tempo und Überregulierung klagt. Eine aktive politische Lobby hat diese Vorzeigebranche jedenfalls bisher kaum. Richtige politische Begeisterung als Voraussetzung für nachhaltige Entwicklungs- und Erfolgsbedingungen sieht jedenfalls anders aus!

Mir ging aber bei den Hochrechnungen und Analysen am Sonntagabend vor allem ein anderer Gedanke durch den Kopf: Vielleicht erreicht mit der „Überraschung aus Berlin“ – unabhängig davon, wie man zum Abschneiden der Piratenpartei steht – jetzt endlich auch die Mitte unserer Gesellschaft ein Bewusstsein dafür, wie fundamental die neue digitale Zeitrechnung unser gesamtes Denken verändert.

Das virtuelle Leben im Netz verändert nicht nur die Form unserer Kommunikation, es schafft vielmehr in immer größerem Tempo auch stets neue inhaltliche Kreativität. Es ist geradezu so: Wer in diesem Tempo nicht mithält, die Trends der Web-Welt nicht frühzeitig erkennt, wird brutal weggeklickt, bleibt auf der Online-Datenautobahn zurück.

Umgekehrt gilt: Jeder kann zum erfolgreichen Akteur werden, wenn er es versteht, die neuen Regeln zum Beispiel der sozialen Netzwerke optimal zu nutzen. Denn die Netze der Zukunft brauchen vor allem eins: Inhalte!

Bisher waren alle diese Aspekte in unserem großen gesellschaftlichen Zukunftsdiskurs leider eher ein Nischenthema. Leidenschaftliche Debatten hierzu habe ich jedenfalls kaum wahrgenommen.

Das könnte sich jetzt ändern. Ich wünsche es mir jedenfalls. Jede richtige Idee braucht ihre richtige Zeit. Auf jeden Fall ist es an der Zeit, aus der „Überraschung von Berlin“ die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

Der Autor ist Geschäftsführer des IT-Beratungsunternehmens D-LABS

in Potsdam, das 2006 mit Unterstützung von Hasso Plattner gegründet wurde.

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