Positionen : Organspenden – ökonomisch betrachtet

Die Verhaltensökonomie zeigt: Das Angebot an Organen ist zu klein, weil Trägheit über den guten Willen siegt.

Carel Mohn,Jürgen Schupp

Die erste erfolgreiche Organtransplantation fand 1954 statt: Ein Mann spendete seinem Zwillingsbruder eine Niere – und rettete ihm das Leben. Durch die Nierenspende eines führenden Politikers an seine Frau ist das Thema Organspende erneut ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Zu Recht. Denn trotz aller medizinischer Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte ist es bis heute nicht gelungen, das zentrale Problem der Transplantationsmedizin zu lösen, nämlich den eklatanten Mangel an Spenderorganen.

So warten in Deutschland nach Angaben der Bundesregierung mehr als 12 000 schwer kranke Menschen auf ein Spenderorgan. Jeden Tag sterben in Deutschland drei Menschen, weil für sie kein passendes Spenderorgan zur Verfügung stand. Dabei ist die deklarierte Spendenbereitschaft durchaus hoch: So ist immerhin fast jeder zweite Bundesbürger grundsätzlich zu einer Organspende nach dem eigenen Tod bereit. Dies zeigen bisher noch unveröffentlichte Daten aus einer repräsentativen Befragung des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) vom Herbst letzten Jahres. Doch nicht einmal jeder vierte potentielle Spender lässt auch Taten folgen, nur elf Prozent der Bundesbürger haben einen Organspendeausweis. Zum Vergleich: Knapp die Hälfte der Erwachsenen hat im vergangenen Jahr Geld gespendet, und immerhin fast jeder Fünfte hat laut der SOEP-Befragung in den letzten zehn Jahren Blut gespendet. Um es ökonomisch zu formulieren: Zwischen dem Angebot an Spenderorganen und deren Nachfrage klafft eine riesige Lücke – zumal nicht jedes Organ eines Spenders medizinisch auch das passende für einen gerade erkrankten Empfänger darstellt.

Kann die Ökonomie hier auch jenseits der Problembeschreibung weiterhelfen? Tatsächlich gehört gerade das Thema Organspende zu den Gebieten, auf denen die Verhaltensökonomie besonders hilfreiche Antworten liefert. Denn diese relativ junge Teildisziplin der Wirtschaftswissenschaften erforscht menschliche Unzulänglichkeiten und orientiert sich nicht ausschließlich am theoretischen Konstrukt eines Homo Oeconomicus, der alles weiß und ständig rational handelt.

Der Schritt von der prinzipiellen Bereitschaft bis hin zur Beschaffung eines Organspendeausweises ist mit Kosten verbunden. Selbst wenn es inzwischen nur weniger Minuten bedarf, ein Ausweisformular aus dem Internet herunterzuladen, auszudrucken, auszufüllen und in die Brieftasche zu stecken, so muss man doch zuvor Zeit aufwenden, um sich zu informieren. Wenn man das gründlich macht, kostet das Zeit, um seine Trägheit zu überwinden.

Berücksichtigt man diese Trägheitskosten, so wäre der radikalste und effektivste Ansatz, um die Zahl der Spenderorgane zu erhöhen, zweifellos eine Umkehr der Vorzeichen: Nur wer ausdrücklich nicht spenden will, müsste dies vorab schriftlich erklären. Bei allen anderen würde man hingegen von einer Zustimmung zur Organspende für Schwererkrankte nach dem Tod ausgehen. In Österreich besteht dieses System bereits, und nur ein Prozent (!) der Österreicher hat eine Organspende ausdrücklich ausgeschlossen.

Aber man muss nicht so weit gehen: Ein freiheitlicher Ansatz wäre es, so viele wie möglich um eine ausdrückliche Entscheidung für oder gegen eine Organspende zu bitten. Die Entscheidungsarchitektur ändern, würden Verhaltensökonomen dazu sagen. Das könnte so aussehen, dass jeder, der beispielsweise einen neuen Personalausweis beantragt, automatisch gefragt wird, ob er einer Organsspende zustimmt oder nicht. Dann bekäme der medizinische Fortschritt, der Organtransplantationen überhaupt erst möglich gemacht hat, auch wirklich seinen Sinn, und die Not vieler Erkrankten ließe sich signifikant lindern.

Jürgen Schupp verantwortet das Sozio- oekonomische Panel (SOEP) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Carel Mohn ist Chefredakteur des DIW-Wochenberichts.

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