Wirtschaft : Post aus Amerika: Öko-Lebensmittel so weit das Auge reicht

Malte Lehming

Wie arbeitet man in Amerika und Afrika, wie legt man Geld in Japan oder Russland an? Fernab von den Nachrichten über Fusionen und das Auf und Ab der Börse berichten Korrespondenten immer sonntags über die Menschen hinter den Nachrichten - in Washington, Kapstadt, Tokio und Paris.

Der Amerikaner ist dick und ernährt sich schlecht. Täglich wirft die Fleisch verarbeitende Industrie des Landes 400 000 Kilogramm Hack auf den Markt, pro Jahr gibt die Nation 110 Milliarden Dollar für Fast Food aus, wöchentlich verschlingt der Durchschnittsbürger drei Durchschnittsburger. Der Trend jedoch geht in eine ganz andere Richtung. Selbst in Sachen Öko darf sich Europa als abgehängt betrachten.

Wann immer wir in Washington Besuch vom alten Kontinent haben, führt uns eine der ersten touristischen Expeditionen mit ihnen zu "Fresh Fields". Das ist ein Öko-Supermarkt gleich um die Ecke. Auf 20 000 Quadratmetern werden hier jede Woche von rund 20 000 Kunden mehr als eine halbe Million Dollar umgesetzt. Zur Straßenseite vermitteln riesige Glasfenster den Eindruck einer Kathedrale. Innen drin gibt es alles, was das gesundheitsbewusste Herz begehrt. Obst und Gemüse sind garantiert unbehandelt, Fleisch und Fisch so frisch wie hormonfrei. Dreihundert Mitarbeiter kümmern sich von morgens acht Uhr bis abends 23 Uhr an sieben Tagen in der Woche intensiv um jeden Kunden. Kein Besucher aus Europa hat je diesen gigantischen Laden betreten, ohne wie ein Kind zu staunen.

Die "Fresh-Fields"-Bewegung begann vor zehn Jahren in Kalifornien. Seitdem wächst sie. Aus den ehemals kleinen, etwas betulichen Öko-Lädchen wurden glitzernde Tempel, in denen ausschließlich organische, unbehandelte sowie ganz spezielle Elite-Produkte angeboten werden. Wer will, findet neben Halbfett-Brie-Käse auch belgische Schokolade, deutsches Schwarzbrot und französischen Champagner.

Im Jahre 1996 wurde "Fresh Fields" vom Unternehmen "Whole Foods Market Inc." übernommen und breitete sich anschließend über ganz Amerika aus. Der Umsatz im Jahr 2000 lag bei 1,6 Milliarden Dollar.

Inzwischen erhöht es den Wert einer Wohnung, wenn sie in der Nähe eines "Fresh Fields" liegt. Das Geschäft in unserer Nachbarschaft hat vor gut einem Jahr eröffnet. Die Gegend galt damals als ziemlich heruntergekommen. Neben "Fresh Fields" sind heute zwar immer noch ein paar Billigrestaurants und Schnapsläden. Auf einem Schild steht: "Urinieren verboten! Zuwiderhandlung wird bestraft!" Doch seit einem Jahr brummt der Stadtteil. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite schießen schicke Neubauten aus dem Boden, Gourmet-Restaurants haben sich niedergelassen, eine ehemalige Methadon-Klinik, in der Drogenabhängige behandelt wurden, ist verkauft worden - dort entstanden innerhalb weniger Monate mehrere Luxus-Appartments, die innerhalb von vier Stunden verkauft wurden. Plötzlich ist der "Logan Circle" nicht mehr No-Go-Area, sondern Schickimicki-Adresse.

Zur Politik von "Fresh Fields" zählt auch das soziale Engagement. An jedem zweiten Tag verteilt das Unternehmen kostenlos Waren, deren Haltbarkeit abläuft, an Bedürftige. Und fast alle 300 Angestellten kommen aus der Nachbarschaft. Die meisten sind schwarz, viele waren arbeitslos. Der Stundenlohn beträgt etwa acht Dollar, Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft gilt als unerwünscht. Am wichtigsten ist dem Chef, dass seine Mitarbeiter freundlich und hilfsbereit sind. "Wie man Fleisch schneidet, kann ich ihnen beibringen", sagt er, "wie man das Leben genießt und lächelt, nicht." Der Mann an Kasse zwölf hat früher Toiletten im Zoo gereinigt. Seit es "Fresh Fields" gibt, sagt er, "hat sich alles hier verändert, alles".

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