Wirtschaft : Post aus Frankreich: Streikkultur à la française

Sabine Heimgärtner

Ausgerechnet am 2. Januar", stöhnen die Regierenden in Paris. "Typisch Frankreich", amüsiert sich das benachbarte Ausland. In Frankreich gelingt es den Gewerkschaften immer wieder, Streiks genau dann stattfinden zu lassen, wenn in anderen europäischen Ländern alle Beteiligten an einem Strick ziehen, um heikle Situationen zu meistern. Beispiel Ferienbeginn: Just zu diesem Zeitpunkt sind Arbeitsniederlegungen der Bahn- oder Flughafenbediensteten an der Tagesordnung, die damit den Start tausender Urlauber in die Ferien verhindern oder gefährden. Beispiel Wochenende: Ein beliebter Streiktermin für Krankenhauspersonal, weil dann die Hälfte der Angestellten frei hat und so der Stress für die Verantwortlichen, aber auch die Patienten, besonders groß wird.

Die Beispiele "gut gewählter" Zeitpunkte für Protestaktionen sind zahlreich und allen ist gemeinsam: Meist wird das Ziel erreicht. "Erstaunlicherweise haben die meisten Franzosen trotz oft großer Unannehmlichkeiten durch die Streiks Verständnis für die erpresserischen Aktionen ihrer gewerkschaftlich organisierten Mitbürger, weil sozialer Fortschritt in Frankreich offenbar nicht anders erzielt werden kann", erklärt ein ausländischer Journalist das Phänomen.

Nun also die Banken zum Zeitpunkt der Euro-Einführung. Die im französischen Bankenverband AFB organisierten Gewerkschaften fordern eine Gehaltserhöhung für alle Bankangestellten in Höhe von monatlich 500 Francs netto (rund 150 Mark), mehr Personal und bessere Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz der Bankbeschäftigten. "Genauso ist es. Wir benutzen den Euro, um Druck zu machen", gibt Gewerkschafter Hervé Hannoteaux unumwunden zu. Sein Kollege Pierre Gendre von der Gewerkschaft FO Banken schildert das Anliegen etwas versöhnlicher: "Eigentlich wollen wir keinen Streik, aber wir müssen Druck machen, damit die Arbeitgeber mit uns verhandeln." Blankes Entsetzen bei den Bankdirektoren, aber auch beim Pariser Finanz- und Wirtschaftsministerium, denn der 2. Januar wurde sowieso schon als "Schwarzer Tag" oder "Tag der Apokalypse" eingestuft. Man warnte schon vor Monaten vor endlos langen Schlangen von Verbrauchern und vor allem Geschäftsleuten, die nach den Feiertagen die alten Franc-Münzen gegen neues Euro-Bargeld eintauschen wollen. Um die "heiße Phase" der Euro-Einführung zu erleichtern, hat der Bankenverband sogar dafür gesorgt, dass vorübergehend rund 50 000 junge Helfer in den französischen Banken eingestellt werden. "Wenn nun an diesem 2. Januar auch noch gestreikt wird, dann bricht das Chaos aus", befürchtet der Filialleiter einer Société-Générale-Bank im 19. Pariser Arrondissement.

Frankreichs Wirtschafts- und Finanzminister Laurent Fabius versucht seit gestern die Wogen zu glätten und rief beide Seiten zur Vernunft auf. "Die Einführung des Euro ist ein historischer Moment, der Frankreich und ganz Europa zusammenführt. Es wäre absurd, diese Epoche mit geschlossenen Bankschaltern zu beginnen." In den Fluren des Fabius-Ministeriums ist zu vernehmen, dass dem erfahrenen Politiker die Sache regelrecht peinlich ist. Könnte doch in den elf anderen Euro-Ländern der Eindruck entstehen, Frankreich sei im Grunde gegen die neue Gemeinschaftswährung und nutze die Streikaktion der Banken zum klammheimlichen Protest.

Probleme gibt es aber nicht nur mit den Banken. Seit dem 15. November streiken die Mitarbeiter der einzigen französischen Münzprägeanstalt und fordern die Verkürzung ihrer Wochenarbeitszeit. Zwar sind die meisten neuen Euro-Münzen bereits fertig, doch kurzerhand ließ das Ministerium Polizeiwagen vor dem Münzbetrieb vorfahren, um die Streikenden von einer Blockade der Abtransporte des frisch geprägten Bargeldes abzuhalten. Doch damit nicht genug: Ein Teil der Münzproduktion ist defekt, enthüllte die Wirtschaftszeitung "La Tribune" Anfang der Woche. Deshalb könnten die Kleingeldlieferungen mit bis zu zweiwöchiger Verspätung bei den Einzelhandelsgeschäften ankommen.

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