Wirtschaft : Post aus Japan: Die teuren Rinder von Kobe

Ulrike Haak

Vergangenen Dienstag war es soweit: Schulkinder in Osaka bissen wieder herzhaft zu - in Rindfleisch, das einen Monat lang vom Speisezettel öffentlicher Schulen verbannt worden war. Die Erstklässler der Sekime Higashi Elementary School freuten sich zum Beispiel über "binbinba": Rindfleisch mit Gemüse, dazu Reis nach koreanischer Art. Alles wieder in Ordnung also?

Die Geschichte begann unweit von Tokio. In der kleinen Stadt Shiroi kann sich eines schönen Tages im August eine fünf Jahre alte gefleckte Kuh der Rasse Holstein nicht mehr auf den Beinen halten. Ein Schwächeanfall? Viermal testen japanische Tierärzte das taumelnde Fleckvieh vorsorglich auf BSE, und dreimal lautet das Resultat: positiv. Aber erst mehr als einen Monat später gibt die Regierung den ersten BSE Fall in Japan der Öffentlichkeit preis. Denn als ob das alles nicht wahr sein könnte im Land des extravaganten Speisens, sollen britische Experten einen letzten Test veranstalten. Und der ist - wie wohl? - auch positiv. Nun ließ sich nicht länger verdrängen: Japan hat den Rinderwahn im Land.

Alles was im Land der aufgehenden Sonne mit Essen zu tun hat, steht unter einer besonderen, ja fast heiligen Aura. Fernsehprogramme sind voll mit Kochsendungen, die stundenlang mit viel Liebe zum Detail alle Feinheiten der japanischen Küche unter die Lupe nehmen - ein für ausländische Augen oft zweifelhaftes Vergnügen. Ausländer werden zuerst gefragt, ob sie japanisches Essen mögen, und Japaner klatschen vergnügt in die Hände, wenn zumindest ein Gericht für den Gast ungenießbar ist. Kein Volk der Erde definiert sich so leidenschaftlich über sein Essen. Verreist man in andere Gegenden Japans muss man selbstverständlich die jeweiligen Kostbarkeiten der Region genießen: mit süßem Bohnenmus gefüllte Reistäschen aus Kyoto, sündhaft teures Rindfleisch aus Kobe - pardon, Rindfleisch?

Der Verbrauch von Rindfleisch ist inzwischen um mehr als die Hälfte gefallen. Nun versuchen offizielle Stellen ihn wieder anzukurbeln. Vor zwei Wochen hatten Gesundheits- und Landwirtschaftminister beschwörend getönt, japanisches Rindfleisch sei wieder sicher. Japan habe die besten Teststandards der Welt entwickelt. Alle 1,3 Millionen Rinder, die kommendes Jahr verspeist werden sollen, würden gründlichen Tests unterzogen. Das Fleisch, das schon in den Regalen liege, werde vernichtet, und nicht, wie zuerst geplant, für später eingefroren. Dass Landwirtschafts- und Gesundheitsministerium so lange versucht haben, Tatsachen zu verschleiern, hat nicht gerade Vertrauen geweckt. Und wer sagt denn, dass es wirklich nur ein krankes Rindvieh in ganz Japan gibt?

Die berühmten Rinder in Kobe, deren fein marmoriertes Fleisch Spitzenpreise erzielt, dürfen sich derweil noch etwas länger ihres privilegierten Lebens erfreuen. Weil selbst diese Delikatesse zur Zeit verschmäht wird, warten die Züchter lieber ab. Sie wollen die Preise nicht verderben. Wer sich 100 Gramm dieser Zartheit auf der Zunge zergehen lässt, ist um 1000 Yen, umgerechnet knapp 19 Mark, ärmer - und immer noch hungrig. In schlechten wirtschaftlichen Zeiten ohnehin kein Vergnügen.

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