Wirtschaft : Post aus Paris: Rettet das Baguette!

Sabine Heimgärtner

Wie arbeitet man in Amerika und Afrika, wie legt man Geld in Japan oder Russland an? Fernab von den Nachrichten über Fusionen und das Auf und Ab der Börse berichten Korrespondenten immer sonntags über die Menschen hinter den Nachrichten - in Washington, Kapstadt, Tokio und Paris.

Die 35-Stunden-Woche ist der Sündenbock für viele Probleme in Frankreich - noch dazu mitten im Wahlkampf. Sie ist schuld an der Misere in den Krankenhäusern, wo Betten wegen Personalmangel nicht mehr belegt werden können. Sie hat dazu geführt, dass in manchen Straßen die Post später oder gar nicht ausgetragen wird. Sie wird für die gestiegene Kriminalitätsrate mitverantwortlich gemacht, weil die Polizisten weniger arbeiten. Und - ein regelrechter Anschlag auf eines der französischen Nationalsymbole - sie gefährdet neuerdings sogar den Konsum der berühmten Weißbrotstange, des Baguette.

Eine Demonstration Tausender Bäcker in Paris Ende vergangenen Jahres hat kein Erbarmen bei der ebenfalls Baguette-liebenden Regierung ausgelöst: Auch die Bäckereien mussten, wie alle Betriebe mit weniger als 20 Angestellten, spätestens zum 1. Januar die 35-Stunden-Woche umsetzen. "Wir brauchen Zeit, um gutes Brot herzustellen" - die verzweifelten Appelle der Brotbäcker verhallten.

Ungehört blieb auch der Internet-Aufruf des Präsidenten des französischen Bäckerhandwerks, Jean-Pierre Crouzet. "In unserem Beruf kann man nicht mit einer Stoppuhr im Rücken arbeiten", erklärte er und sprach von einer "unrealistischen Reform", ja sogar davon, dass die 35-Stunden-Woche das Handwerk langfristig zerstören könnte. Das Bild vom Franzosen mit der Weißbrotstange unterm Arm ist schließlich kein Klischee. Jeder will zu jeder Tageszeit frisches Baguette, am frühen Morgen, mittags und am späten Abend. In einer durchschnittlichen "Boulangerie" gehen täglich rund 1 000 Baguettes über den Ladentisch, vier Mal am Tag wird frisch gebacken.

Schon seit Wochen künden Anschläge an den Ladentüren von schwerwiegenden Veränderungen. "Neue Öffnungszeiten", heißt es an den Schaufenstern. Beispiel Avenue Simon Bolivar im Pariser 19. Arrondissement: Die vier Bäckereien sind statt an sechs Tagen in der Woche nur noch fünf Tage geöffnet, zwei von ihnen haben auch den Sonntagsdienst übernommen. Die Angestellten arbeiten jetzt nicht mehr 39 Stunden, sondern nur noch die vorgeschriebenen 35 Stunden. Der Kunde, gewohnt, sein Baguette an der nächsten Straßenecke zu kaufen, hat an manchen Tagen einen weiteren Weg.

Wäre wenigstens der Bäcker zufrieden! Aber der ist es nicht, denn, wenn er nicht der Chef des Unternehmens ist, verdient er rund 300 Euro weniger im Monat, trotz unbequemer Arbeitszeit, die für ihn morgens um drei Uhr beginnt. Mancher von ihnen sucht sich an seinem ungeliebten "freien" Tag nun darum eine "Nebenstelle" in einer anderen Bäckerei und kommt so wenigstens halbwegs auf seine Kosten.

Ginge es nach den Konsumenten, müssten die rund 34 000 Bäckereien in Frankreich rundum die Uhr offen halten. "Wenn ich kein Brot habe, esse ich nichts", erklärt Michel bei einer der zahlreichen Diskussionen über die Misere der französischen Bäcker in seiner Stammkneipe. "Was für den Chinesen der Reis, den Deutschen die Kartoffel und den Italiener die Nudel ist, ist für den Franzosen das Brot" - basta.

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