Wirtschaft : Post aus Paris

Sabine Heimgärtner

Heute schon geküsst? Welch eine Frage, würde der Franzose sagen, wenn er sie überhaupt verstehen würde, denn in Frankreich wird immer geküsst. "La bise", der berühmte Wangenkuss, zur Begrüßung luftig dahingehaucht, einmal rechts, einmal links, in manchen Regionen sogar zweimal rechts, zweimal links - dieses traditionelle Ritual gehört zu Frankreich wie das Baguette oder der Café au lait. Je nach Gegend, Sozialniveau und emotionalem Engagement schwankt die Zahl der Küsse, und auch Intensität und Geräuschentwicklung können stark variieren. "La bise" ist noch nicht einmal etwas Besonderes. Man muss das Gegenüber nicht wirklich gut kennen, um Anwärter für den kleinen Schmatzer zu sein. Das Busserl wird unter Bekannten verteilt, in der Bar oder auf der Straße, unter Freunden und in der Familie und auch zwischen Kollegen im Büro wird eifrig geküsst. Dort macht sich seit kurzem eine neue Mode breit: Das Duzen.

Das ist eine Revolution, stellte die Zeitung "Le Figaro" kürzlich fest und widmete dem neuen Trend in ihrem Wirtschaftsteil eine ganze Sonderseite. Französische Soziologen haben nämlich festgestellt, dass die neue Form der Anrede die Beziehungen unter den Angestellten auf den Kopf stellt, das Verhältnis zum Chef verändert und das Klima im Betrieb. Anders als der Wangenkuss ist das "Du" in Frankreich weitaus weniger selbstverständlich als beispielsweise in Deutschland. Immer noch gibt es traditionsbewußte Familien, in denen die Kinder ihre Eltern siezen und sogar manche Ehepartner finden das "Sie" ein Leben lang angemessen, Staatspräsident Monsieur Jacques Chirac zum Beispiel und seine Gattin Madame Bernadette. Sehr viel Etikette also und ein Flair der "Grand bourgeoisie", typisch Frankreich eben.

Das "Du" war deshalb bislang ein Tabu, erst recht im Arbeitsalltag. Seinen ersten, vorsichtigen Einzug erhielt es vor ungefähr vier Jahren, zeitgleich mit der ersten Privatisierungswelle französischer Unternehmen und den damit einhergehenden Fusionen mit ausländischen Betrieben. "In vielen Chefetagen wird heute englisch gesprochen, viele höhere Angestellte sind in den USA ausgebildet oder kommen aus englischsprachigen Ländern", erklärt der Soziologe Jean-Louis Muller die neue Mode. Und weil im Englischen kein Unterschied zwischen "Sie" und "Du" gemacht wird, sei in diesen Betrieben das "Vous" vom "Tu" verdrängt worden. Muller hat das Phänomen für die Agentur Cegos untersucht und noch eine andere Besonderheit festgestellt: Grundsätzlich werde in den jungen Technologie-Betrieben geduzt, den Start-ups, aber auch in der Werbebranche, im Medienbereich und in Supermarktketten.

Andere Unternehmen betrachten das "Du" buchstäblich als Allheilmittel zur Verbesserung des Betriebsklimas. Der Personalchef des Rüstungsherstellers Thalès versandte im Juli 2000 ein Rundschreiben an die 100 000 Beschäftigten und verordnete das "Du", quer durch alle hierarchischen Ebenen. Positives Echo des Betriebsratschef Gérard Verschave: "Das wurde sofort mit Begeisterung aufgenommen, die Leute gehen seitdem entspannter miteinander um. Ein Techniker duzt heute den Abteilungsleiter, auch wenn der Chef von über 1000 Leuten ist." Und: Die Leute reden nicht ewig um den heißen Brei herum.

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