Wirtschaft : Post aus Russland

Elke Windisch

Witalij ist Konzertmeister. Wegen der miesen Gage - 900 Rubel, etwa 66 Mark - spielt er gelegentlich auch in den Zugängen zur Moskauer Metro. Und außer Noten liest er dort seit neuestem auch die Notierungen für Ölpreise auf dem Weltmarkt. Russland, inzwischen der zweitgrößte Exporteur weltweit, finanziert seinen Haushalt zu gut einem Viertel durch Einnahmen aus dem Ölgeschäft und das läuft momentan gar nicht gut.

Ein Barrel der Marke Urals notiert nur noch mit ganzen 16,80 US-Dollar. Der Etat für das kommende Finanzjahr aber jongliert mit mindestens 18 Dollar. Beim gegenwärtigen Exportvolumen bedeutetet das Mindereinnahmen von rund einer Milliarde Greenbacks. Bei geplanten Einnahmen von insgesamt rund 20 Milliarden Dollar - der Stadtstaat New York kann mehr als das Doppelte ausgeben - ein Riesenloch. Man werde den Gürtel enger schnallen müssen, räumte Finanzminister Alexej Kudrin bereits kleinlaut ein.

Wohl wahr. Ausgerechnet auf die kommenden beiden Jahre entfällt die Hauptlast bei der Bedienung der russischen Auslandsschulden. Gut ein Drittel des Etats geht drauf. Eine heilige Kuh, denn Putin steht bei den Gläubigern im Wort. Die zweite heilige Kuh ist der Verteidigungshaushalt. Der Rotstift - das weiß Iwan Normalverbraucher bereits aus Erfahrung - wird daher bei Posten zuschlagen, die jeder zu spüren bekommt: Gesundheit, Bildung, Kultur. Und an die längerfristigen Folgen denken inzwischen nicht nur Ökonomen mit Grauen. Mit den Ölpreisen stürzen auch die Kurse der russischen Blue-Chips und des Rubels.

Die einzige Alternative aber - weniger Öl zu höheren Preisen zu verkaufen - ist aus hiesiger Sicht keine Alternative. Trotz eindringlicher Appelle der Opec an Nichtmitglieder, ihre Förderquoten ebenfalls zu drosseln, ist Russland, das gegenwärtig über sieben Millionen Barrel täglich auf den Markt wirft, unter dem Druck einheimischer Ölscheichs lediglich zu einer Reduzierung von 30 000 Barrel pro Tag bereit. Mehr, so Michail Chodorkowskij, der Chef von "Jukos", Russlands zweitgrößtem Ölmulti, würde der russischen Wirtschaft schweren Schaden zufügen und mache ohnehin keinen Sinn: Kasachstan und Aserbaidschan, die ebenfalls nicht Mitglied des Kartells sind, würden sofort in die Marktlücke springen. Wenn Russland den Opec-Forderungen nachgibt, droht zudem eine erhebliche Verteuerung der Militäroperation in Afghanistan. Das aber möchte Moskau im eigenen Interesse und, um die neue Freundschaft mit dem einstigen Gegner des Kalten Krieges nicht zu gefährden, auf jeden Fall vermeiden.

Angesichts dieser Zwänge warnte Lukoil-Vizepräsident Leonid Fedun im hiesigen Fernsehen bereits, Moskau habe wieder einmal nur die Wahl zwischen Pest, Cholera und Milzbrand. Zwar könnte eine neuerliche Rubelabwertung die Talfahrt der hiesigen Wirtschaft stoppen. Für Kreml und Regierung wäre dies jedoch gleichbedeutend mit Selbstmord: Die arg begrenzte reale Kaufkraft von Löhnen und Renten liegt noch immer unter dem Niveau der Finanzkrise von August 1998, bei der der Rubel zwei Drittel seines Wertes verlor. Zweite Alternative wäre der Staatsbankrott, der das zaghaft aufkeimende Vertrauen in das Potenzial der russischen Wirtschaft vernichten würde. Drittens könnte der Fiskus die Ölgesellschaften bis zur Schmerzgrenze auspressen. Er, so Fedun, fürchte, genau das werde geschehen.

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