Wirtschaft : Post aus Südafrika: Am Kap der schwarzen Yuppies

Wolfgang Drechsler

Genervt schlägt der Autofahrer aufs Steuerrad und verdreht die Augen. Obwohl am Straßenrand gleich drei Parkbuchten hintereinander frei sind, besteht der Parkplatzanweiser mit der orangefarbenen Weste darauf, ihn in die riesige Parklücke zu winken. Der Fahrer springt aus dem Auto, mustert den inoffiziellen Einweiser für einen Moment mit wütendem Blick und ignoriert die bettelnd ausgestreckte Hand. Wären die Rollen nicht vertauscht, würde die Szene perfekt dem Südafrika-Klischee "Schwarze sind arm, Weiße reich" entsprechen. Doch der Fahrer des Sportwagens ist dunkelhäutig, der Parkplatzanweiser ein Weißer mittleren Alters. Vom Spätnachmittag bis kurz vor Mitternacht arbeitet Theunis van Zyl vor einem Kapstädter Restaurant an der Atlantikküste. An einem guten Tag verdient er hier rund 100 Rand (25 Mark).

Van Zyl gehört heute am Kap genauso zum Straßenbild wie die schwarzen Yuppies mit Handys und Designerzwirn. Die jüngsten Zahlen bestätigen, was viele seit langem vermutet haben: Seit dem Ende der Apartheid vor fast zehn Jahren ist die Kluft zwischen Weiß und Schwarz stetig geschrumpft. Heute zählen bereits mehr schwarze als weiße Südafrikaner zu den oberen 20 Prozent der Einkommenspyramide.

Was auf den ersten Blick ermutigend wirkt, hat jedoch einen Haken: Während eine kleine schwarze Elite in puncto Einkommen mit den weißen Führungskräften gleichgezogen oder diese sogar überrundet hat, wird die breite Mehrheit in den Townships mit jedem Jahr ärmer. Deutlich wird dies bei einem Blick auf die Veränderungen bei den ärmsten 40 Prozent der Bevölkerung: Hier hat sich nicht nur der Anteil weißer Haushalte, die pro Jahr weniger als 20 000 Rand (5000 Mark) verdienen, verdoppelt. Auch die Zahl der schwarzen Haushalte ist gestiegen. Verbessert hat sich allein das Los der "Mischlinge" und indischstämmigen Südafrikaner.

Angesichts dieser Entwicklung kann es kaum überraschen, dass die Kluft zwischen armen und reichen Schwarzen im letzten Jahrzehnt größer geworden ist als die zwischen Weiß und Schwarz. Denn einem dunkelhäutigen Südafrikaner mit guter Ausbildung eröffnen sich seit der Gezeitenwende am Kap nun einst ungeahnte Möglichkeiten: Ein Großteil der neuen Stellen in der Bürokratie ist zum Beispiel fast nur mit Schwarzen besetzt worden. Und die noch immer ganz überwiegend von Weißen geführten Firmen, die bei Staatsaufträgen um die Gunst der Regierung buhlen, locken schwarze Manager mit märchenhaften Gagen. Allzu schnell geraten die wahren Verhältnisse denn auch in Vergessenheit: Jeder Schwarze solle die Möglichkeiten haben, reich zu werden, tönt Don Mkhwanazi, ein bekannter schwarzer Geschäftsmann. Für ihn ist das Rezept denkbar einfach: Je mehr schwarze Millionäre es am Kap gibt, desto besser für das Land. Dass Südafrika zusammen mit Brasilien zu den Ländern mit der weltweit größten sozialen Ungleichheit gehört, stört ihn offenbar nicht.

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