Wirtschaft : Post aus Tokio: Frisch gezapft in sechs Sekunden

Ulrike Haak

Japaner trinken vor allem grünen Tee, so denkt der Ausländer. Bis er an einem Freitagabend die U-Bahn benutzt. Alkoholschwaden nebeln durch die vollen Wagen, und so mancher Salaryman schwankt nicht nur in den Kurven. Jede Woche einmal kommt "hanakin", der Blumen-Freitag, und dann muss die arbeitende Bevölkerung Japans mit einem Rausch das Wochenende begrüßen. Getrunken wird vor allem Bier. Whisky wird zwar auch geliebt, jedoch noch weniger gut vertragen.

Das japanische Bier ist viel besser als sein unverdient schlechter Ruf. Serviert in eisgekühlten Gläsern, goldgelb perlend, rinnt es als frisch gezapftes "nama biru" geschmacklich befriedigend leicht auch Ausländerkehlen herunter. Den Markt teilen sich vier große Brauereien: Asahi, Kirin, Suntory und das Traditionshaus Sapporo, das im 19. Jahrhundert als erstes damit begann, deutsche Braukunst zu kopieren. Asahi hat mit der Marke "Super Dry" ein gutes Pferd im Stall, das Bier von Kirin ziert ein züngelnder Drache und ist selbst für verwöhnte Deutsche trinkbar. Der Getränkehersteller Suntory hat, neben nicht nennenswerter japanischer Weinproduktion, auch das Weingut Robert Weil im Rheingau in seinem Besitz und bietet von "hochpreisig" bis "gerade noch genießbar" auf alkoholischem Gebiet ziemlich alles. Seine Biermarke "Malts" genießt einen guten Ruf auch unter Ausländern.

Der Markt für Bier hat in den letzten zehn Jahren eine erstaunliche Entwicklung genommen: die klassische Pyramidenform, deren Spitze ein schmales Angebot von Premiummarken ausmachte, die über einem gleichmäßig verteilten Mittelbau von Qualitätsbier schwebten und die stabile Masse an preisgünstigem Konsumbier überragten, hat ausgedient. Bierbrauer pflegen nun verstärkt ihre Premiummarken. Und am unteren Ende der verformten Pyramide tut sich seit 1994 ein riesiger Massenmarkt auf: "Happoshu" heißt das preiswerte Bier, das den Brauereien seit acht Jahren steigende Verkaufszahlen beschert. Schon mehr als ein Drittel des gesamten Biermarktes nimmt "Happoshu" ein, ein Konkurrent aus dem jeweils eigenen Hause. Denn außer Asahi haben alle großen Bierhersteller eine "Happoshu"-Marke. Das Erfolgsrezept: weniger Malz. Dadurch fällt "Happoshu" in eine niedrigere Steuerklasse, denn offiziell kann es nicht mehr als Bier bezeichnet werden. Für eine Halbliterdose regulären Biers sind umgerechnet etwa 2,50 Euro fällig, die Dose "Happoshu" der gleichen Marke ist schon für etwa 1,80 Euro zu bekommen. Leider gehört japanisches Bier in die Dose. Auch in der Dose, aber günstig, gibt es alkoholfreies deutsches Bier: 0,33 Liter Clausthaler kosten im ausgewählten Supermarkt nur 128 Yen (etwa 1,10 Euro), seit neustem haben sie, wohl wegen der regen deutschen Nachfrage in meinem Viertel, auch das günstigere Holsten im Angebot.

Der Sohn des Premierministers Koizumi wirbt für Diätbier, Lightbier trinken ist nicht nur Frauensache, und zur kommenden Fußballmeisterschaft gibt es Sammlerdosen - die Brauereien setzen auf Ideen und Diversifizierung. Wer allerdings deutsche Traditionen nicht aus seinem Kopf bekommen kann, sollte in Japan lieber grünen Tee bestellen. Denn auf ein gepflegtes Pils muss man hier zu Lande nur ganze sechs Sekunden warten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben