Wirtschaft : Post für Adressen, die es nicht mehr gibt

Lucette Lagnado

Emma Thornton kommt weiter jeden Tag um 5 Uhr morgens zur Arbeit. In ihrer blauen Hose, der gestreiften Bluse und Schuhen mit Gummisohlen. Die Briefträgerin sortiert pflichtbewusst alle Briefe, die an "One World Trade Center" adressiert sind und macht sie für die Zustellung fertig. Aber wo wird die Post ausgehändigt - und an wen?

Seit dem 11. September kommen täglich bis zu 90 000 Postsendungen für Büros im World Trade Centers an, die es nicht mehr gibt. Sie sind an Leute adressiert, die nicht mehr leben. Die nicht abgeholte Post des World Trade Centers ist eine Katastrophe, die in der Geschichte des U.S. Postal Service beispiellos ist. Der Postdienst hat für 616 Unternehmen im World-Trade-Center-Komplex Briefe ausgetragen, deren Post nun nicht mehr zustellbar ist. Ordnung in das Chaos sollen nun die neun Briefträger - darunter Emma Thornton - bringen, die einst die Routen im World Trade Center gelaufen sind. Dazu haben sie einen riesigen Raum in Manhattan bezogen.

Man hat Thornton und ihren Kollegen zwar gesagt, sie sollten bei der Arbeit nicht daran denken, ob irgendjemand die Post abholen wird. Doch sie tun es. Emma Thornton sieht häufig Gesichter hinter den Namen auf den Briefumschlägen - Menschen, die sie früher fünf Mal in der Woche gesehen hat und mit denen sie in den Aufzügen Witze gemacht hat. Sie erinnert sich an die nette Frau mit dem Namen Sonia, die im Frachtaufzug des Restaurants "Windows on the World" saß und ihr häufig Essen zusteckte.

Theoretisch müssen nicht abgeholte Briefe und Pakete sofort an den Absender zurückgeschickt werden. Doch angesichts der Umstände - die Mehrheit der Menschen, in den Twin Towers gearbeitet hat, lebt noch und die meisten Unternehmen haben andere Geschäftsräume - will die Post alle Briefe und Pakete vier Monate aufheben, um den Empfängern Zeit zu geben, sie abzuholen.

Vor dem 11. September hatte Emma Thornton ihren Traumjob. Die kontaktfreudige, bodenständige Witwe war mit Anfang 20 auf der Suche nach Arbeit aus dem Bundesstaat Georgia nach New York gezogen. Sie hatte sich nach einem sicheren Arbeitsplatz gesehnt und entschied sich für die Post. Ihre Überlegung: "Ich dachte, wenn der Staat zusammenbricht, ist das das Ende der Welt." Seit 1974 trug sie die Briefe für die Stockwerke 77 bis 110 des One World Trade Centers aus. Für sie waren die Beschäftigten in den Unternehmen der Türme Freunde und Kunden, Menschen, die ihr morgens Kaffee und Gebäck anboten und sie zu ihren Weihnachtsfeiern einluden.

Am Tag nach dem 11. September waren sie und andere Briefträger des World Trade Centers sowie etwa 60 weitere Mitarbeiter des Postamtes an der Church Street wieder bei der Arbeit. Es gab schon ganze Stapel Post - die vom Zusammenfall der Türme staubbedeckten Briefe, die man vom Postamt an der Church Street geholt hatte, und neue Post, die trotz der Katastrophe weiter ankam.

In den ersten Tagen nach der Explosion holten nur wenige Unternehmen ihre Post ab. Dann tauchten sie nach und nach auf - etwa das Unternehmen Cantor Fitzgerald, das schätzungsweise 700 seiner 1080 Angestellten verloren hat, oder das Versicherungsunternehmen Marsh & McLennan, wo fast 300 Menschen starben. Einige Unternehmen haben bisher niemanden geschickt.

Es gibt auch glückliche Momente. Thornton hatte sich um die Angestellten des kleinen Büros von Alliance Continuing Care Network - einem Netzwerk von Non-Profit-Organisationen, das bei der Versorgung Pflegebedürftiger berät - im 77. Stockwerk gesorgt. Vor zwei Wochen kam ein Kollege zu Emma Thornton und gab ihr die Visitenkarte eines Mannes namens John David Smith von Alliance. Thornton stürmte freudeschreiend in die Eingangshalle und umarmte Smith: "Oh, mein Gott, ich hatte mich gefragt, wie es Ihnen ergangen ist".

Und dann ist da Sonia. Thornton denkt immer wieder an die Frau, die den Frachtaufzug von "Windows on the World" bedient hat. Sie unterhielten sich oft, wenn Thornton die Post in den Stockwerken 106 bis 110 verteilt hat. Sie hatten etwa das gleiche Alter, viel gemeinsam und nannten sich gegenseitig "Mommy". "Sie war so nett", sagt Thornton über die Frau, die mit vollem Namen Sonia Ortiz hieß. Doch Sonia wird nicht mehr vorbeikommen. Sie wird vermisst und ist wahrscheinlich tot.

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