Wirtschaft : Potenzpille stimuliert auch Aktionäre

Viagra läßt Börsenkurse wachsen / Hersteller Pfizer gehört zu den Lieblingen der Wall Street NEW YORK (nks/HB)."Amerika wird glücklicher sein, Männer wie Frauen", meint Roberto Reid.Die Prognose des Urologie-Professors hat einen einzigen Grund: Viagra.Die erste Pille gegen Impotenz ist seit Wochen das heißeste Thema in den USA.Kein Tag vergeht ohne Viagra-Witze und neue Erfahrungsberichte.Selbst der ehemalige Präsidentschaftskandidat Bob Dole outete sich als Testperson: "Es ist ein großartiges Mittel."Entwickelt wurde Viagra vom New Yorker Pharmakonzern Pfizer - ein Liebling der Wall Street.Der Kurs der Pfizer-Aktie hat sich in den vergangenen 12 Monaten in Hoffnung auf Viagra fast verdreifacht, von 41 US-Dollar auf rund 110 Dollar.Mitte April stieg Pfizer sogar über 120 Dollar.Die US-Gesundheitsbehörde FDA gab Ende März grünes Licht für die blauen Pillen.Mittlerweile ist Viagra mit einem Marktanteil von 95 Prozent das führende Impotenzmittel in den USA.600 000 Rezepte schrieben Ärzte im April für Viagra, davon allein fast 290 000 in der letzten Aprilwoche.Der Markt gilt als riesig.Pfizer schätzt, daß allein in den USA 20 bis 30 Millionen Männer unter Impotenz leiden.Weltweit könnten etwa 100 Millionen davon betroffen werden.Die Umsatzprognosen für Viagra sind daher großzügig: Sie reichen von 1 Mrd.Dollar bis 4 Mrd.Dollar pro Jahr.Es gibt bereits Anzeichen, daß die Pille auch von gesunden Männern nachgefragt wird.Pfizer erklärte aber nachdrücklich, daß es sich nicht um eine "Liebespille" handele.Inmitten der Euphorie melden sich auch vorsichtige Stimmen: "Ich bin immer nervös, wenn es einhellige Begeisterung über ein neues Produkt gibt", sagt der Analyst Steven Gerber vom Investmenthaus CIBC Oppenheimer."Die Mehrzahl der Mittel für Männer haben enttäuscht, weil sich Männer nur widerwillig in Behandlung für Gesundheitsprobleme begeben." Als Beispiel führte Gerber Haarausfall an.Auch wollen nicht alle Krankenkassen für Viagra aufkommen.Gerber: "Viagra wird möglicherweise deren Budgets sprengen.Es wird ein interessanter Testfall." Eine Pille kostet 10 Dollar.Pfizer ist aber nicht nur von Viagra abhängig."Das Unternehmen hat eine der stärksten Produktpaletten der Branche", sagt Gerber.Für das erste Quartal des Geschäftsjahres berichtete Pfizer jüngst einen Anstieg der Nettogewinne um 15 Prozent auf 692 Mill.Dollar gegenüber dem ersten Quartal 1997.Der Umsatz war um 11 Dollar auf 3,34 Mrd.Dollar gestiegen.Die Wall Street erwartet ein starkes Jahr für Pfizer.Die meisten Analysten empfehlen Pfizer weiter zum Kauf.Einige halten Pfizer aber mittlerweile für zu teuer.Analyst James Keeney von ABN-AMRO ist optimistisch."Pfizer kann es sich aber nicht leisten, die hohen Erwartungen zu enttäuschen.Sonst wird der Kurs unter Druck geraten", sagt er."Jede Form von ernsthaften Einschränkungen etwa eine begrenzte Einnahmeempfehlung für Viagra könnte dem Umsatz schaden." Aufgrund der starken Produktpalette rechnet Keeney für die nächsten fünf Jahre mit einer Wachstumsrate von mindestens 24 Prozent pro Jahr, in den nächsten drei Jahren möglicherweise bis 30 Prozent.Die Unsicherheit, ob Krankenversicherungen für die Pillen bezahlen, beunruhigt ihn nicht.Die Verbraucher seien gewillt, die Kosten selbst zu tragen.Analyst Neil Sweig von Southeast Research Partners hält Pfizer dagegen für zu teuer."Wir glauben, daß die Aktie mit einem Kurs von über 100 Dollar überbewertet ist.Das Risiko ist höher als die Chance." Sweig rechnet mit einem Gewinnzuwachs von nur 20 Prozent.Das Kurs-Gewinn-Verhältnis von 53 sei das höchste in der Pharmabranche.Sweig sieht Anzeichen, daß Verbraucher etwa 50 Prozent der Viagra-Kosten selbst tragen müssen."Das wird den Umsatz schmälern." Sweig prognostiziert nur 600 Mill.Dollar Jahresumsatz für Viagra in den nächsten Jahren."Es gibt zu viele Unbekannte", sagte Sweig.Jeffrey Chaffkin, Pharmaanalyst bei der Investmentbank Paine Webber empfielt Pfizer nachhaltig zum Kauf.Er rechnet damit, daß Pfizer am Ende des Jahres einen höheren Börsenwert haben wird als der derzeitige Branchenführer Merck.Von der Viagra-Welle profitieren auch andere Aktien.R.P.Scherer etwa, als bekannt wurde, das Pharmaunternehmen wolle zusammen mit Pfizer ein Mittel entwickeln, um die Wirkungzeit von Viagra zu beschleunigen.Auch die Aktie der Medizinfirma Scherer Healthcare stieg kurzfristig deutlich - weil die Händler die Namen der Unternehmen verwechselten.Die Aktie von Bradley Pharmaceuticals profitierte von den Potenzproblemen der Amerikaner.Bradley schoß an einem Tag um 44 Prozent nach oben, weil Anleger auf den Viagra-Boom spekulierten.Bradley produziert nämlich ein Ergänzungsprodukt für Viagra: Gleitmittel.

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