Wirtschaft : Potsdamer Platz wird für Karstadt teuer

Das Vermögensamt spricht das Beisheim-Gelände den Wertheim-Erben zu. Es geht um 145 Millionen Euro plus Zinsen

Stefan Kaiser,Matthias Oloew

Berlin - Im Streit um das Grundstückspaket auf dem Lenné-Dreieck am Potsdamer Platz steht der Handelskonzern Karstadt-Quelle vor der Niederlage. Das Bundesamt für offene Vermögensfragen hat die ehemaligen Grundstücke des Konzerns der Jewish Claims Conference (JCC) zugesprochen, die die Erben der zur Nazi-Zeit enteigneten jüdischen Kaufhausdynastie Wertheim vertritt. Karstadt hatte das Areal im Jahr 2000 für 145 Millionen Euro an den Metro-Gründer Otto Beisheim verkauft. Dieser baute dann dort für 435 Millionen Euro das Beisheim-Center, zu dem auch das Hotel Ritz-Carlton gehört.

Die Behörde entschied nun, dass Karstadt-Quelle zum Zeitpunkt des Verkaufs nicht der rechtmäßige Eigentümer des Grundstücks war. „Da wir das Grundstück nicht zurückübertragen können, soll sich die JCC jetzt an Karstadt wenden“, sagte eine Sprecherin des Amts dem Tagesspiegel. Konzernchef Thomas Middelhoff drohen damit Schadenersatzforderungen in Höhe des Verkaufspreises von 145 Millionen Euro plus Zinsen.

Middelhoff will die Entscheidung anfechten. „Wir haben auch ein Herz und ein geschichtliches Verständnis, aber Recht ist Recht, und wir müssen unseren Pflichten gegenüber den Aktionären nachkommen“, sagte er bei der 125-JahrFeier der Karstadt Warenhäuser gestern in Berlin. Deshalb wolle der Konzern bis zur letzten Instanz klagen. Das Verfahren könne bis zu fünf Jahre dauern, sagte Konzern-Sprecher Jörg Howe.

Die Anwälte der JCC und der Wertheim-Erben sehen sich durch die Entscheidung in ihrer Rechtsauffassung bestätigt. „Aufgrund dieses Bescheides allein werden wir Karstadt aber wohl noch nicht dazu bringen können, den Kaufpreis zu erstatten“, sagt JCC-Anwalt Stefan Minden dem Tagesspiegel. Sein Kollege Matthias Druba, der die Wertheim-Erben vertritt, appelliert an die Moral: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich Herr Middelhoff wohlfühlt, wenn weiterhin Blutgeld an seinen Händen klebt.“

Rechtlicher Knackpunkt ist das Vermögensgesetz, das für Ost-Berlin und die neuen Bundesländer gilt. Es regelt die Rückgabe von zwangsweise enteignetem Eigentum im Dritten Reich. Karstadt bestreitet, dass dieses Gesetz für das Lenné-Dreieck gilt. Nach dem Zweiten Weltkrieg lagen die Flächen brach. Sie gehörten formal zum Sowjetischen Sektor und damit zu Ost-Berlin, waren aber nicht eingemauert und damit von West-Berlin aus zugänglich. Das Niemandsland kam kurz vor der Wende ihm Rahmen eines Gebietsaustauschs offiziell zu West-Berlin. Der Senat schenkte die ehemaligen Wertheim-Flächen dem damaligen Hertie-Konzern, der versprach, dort die Deutschland-Zentrale des Konzerns zu errichten. Nach der Übernahme durch Karstadt war davon keine Rede mehr. Stattdessen verkaufte Karstadt das Gelände an Otto Beisheim.

Für den angeschlagenen Karstadt-Quelle-Konzern wären die 145 Millionen Euro Schadenersatz ein schwerer Schlag. Erst vor zwei Wochen musste Middelhoff wegen Problemen bei der Versandhandelssparte die Gewinnprognose für 2006 senken. „Eine Millionenforderung wäre eine große Herausforderung, die nicht geplant ist“, sagte Sandro Principe von BBDO Consulting. Der Konzern hat bisher keine Rücklagen für solche Zahlungen gebildet und will dies auch jetzt „auf keinen Fall“ tun, wie Konzernsprecher Howe bestätigte. „Die finanzielle Restrukturierung ist nicht gefährdet.“

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