Präsentation : Ein Wagen fürs Volk

Der indische Tata-Konzern stellt den 1700-Euro-Viersitzer Nano vor – und hat große Pläne mit dem Kleinen.

Henrik Mortsiefer

Neu Delhi/Berlin - Der neue „Volkswagen“ kommt aus Indien: Er heißt Nano, hat 33 PS – und kostet umgerechnet nur 1700 Euro. Der indische Mischkonzern Tata stellte am Donnerstag das billigste Auto der Welt auf der Autoexpo in Neu Delhi vor. Die lange erwartete Präsentation des „People’s Car“ stellt die Neuheiten auf der am Wochenende beginnenden Automesse in Detroit in den Schatten. Tata selbst sprach von einem „Meilenstein“ und verglich das Ereignis mit der Landung auf dem Mond. An einen Vertrieb in Europa ist vorerst nicht gedacht.

Der Nano-Hersteller hat dennoch ehrgeizige Expansionspläne. Unter anderem will er die Nobelmarken Jaguar und Land Rover übernehmen. Indien ist nach China der weltweit am stärksten wachsende große Automarkt. Experten schätzen, dass der Pkw-Absatz hier von 1,2 Millionen im vergangenen Jahr bis 2018 auf drei bis vier Millionen steigt.

3,10 Meter lang, 1,50 Meter breit und 1,60 Meter hoch erinnert das neue Billigmobil nur auf den ersten Blick an den Smart. Beim zweiten Hinsehen offenbart der Kleinwagen seine Low-Budget-Eigenschaften: Airbags fehlen ebenso wie eine Servolenkung oder gar Klimaanlage und elektrische Fensterheber. Der Viersitzer wird mit einem 623-Kubikzentimeter- Zweizylindermotor im Heck angetrieben. Das Auto soll weniger als vier Liter Benzin auf 100 Kilometer verbrauchen und gut 100 Stundenkilometer schnell sein. Laut Tata erfüllt der Wagen die Euro-IV-Norm und die indischen Sicherheitsstandards. Der CO2-Ausstoß soll unter 100 Gramm pro Kilometer liegen. Wesentliche Teile liefert die indische Tochter des deutschen Bosch-Konzerns zu, so auch das Bremssystem.

Tata will anfangs 250 000 Fahrzeuge pro Jahr verkaufen, später soll die Stückzahl auf eine Million steigen. Der Hersteller erhofft sich dadurch eine Motorisierung nicht nur der aufstrebenden Mittelschicht in Indien, sondern auch der Bevölkerung auf dem Land. Auch an einen Weltvertrieb denkt Tata bereits. In Europa verhandeln die Inder nach eigenen Angaben mit Fiat über eine spätere Kooperation. In zwei bis drei Jahren könnte der Nano auch nach Afrika, Lateinamerika und Südostasien exportiert werden.

Experten erwarten in den kommenden Jahren ein rasantes Wachstum der Automärkte in den Schwellenländern. Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Gelsenkirchener Forschungsinstituts CAR, schätzt, dass 2020 knapp die Hälfte der rund 75 Millionen weltweit verkauften Autos auf die Emerging Markets entfallen. Schon 2015 würden mindestens zehn Millionen Billigautos zwischen 2000 und 10 000 Euro weltweit verkauft, prognostiziert Dudenhöffer.

Erste Erfolge in diesem Segment feierte Dacia-Renault mit seinem 2004 eingeführten Logan für 5000 Euro. Renault will das Modell spätestens 2010 jährlich eine Million Mal verkaufen. Mehr als 17 000 Fahrzeuge wurden 2007 auch in Deutschland verkauft. Renault will bald über ein mögliches Billigautoprojekt mit dem indischen Hersteller Bajaj entscheiden. Ford hat bereits angekündigt, binnen zwei Jahren in Indien einen Einfachwagen bauen zu wollen. Auch VW, Toyota, Honda und Fiat wollen Kleinstwagen für Schwellenländer anbieten.

Der Vorstoß in dieses Segment ist für deutsche Hersteller – nicht nur wegen niedriger Margen – riskant, wie Willi Diez, Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft, meint. „Billigstautos könnten das Image der deutschen Marken als Hersteller qualitativ hochwertiger und technologisch führender Autos ernsthaft gefährden“, schreibt Diez in einer Studie.

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