Wirtschaft : Preisauftrieb bringt Aufschwung in Gefahr

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Die im Januar vermutlich ansteigende Inflation könnte den erhofften Aufschwung in Deutschland gefährden. Denn sie führt womöglich dazu, dass die Europäische Zentralbank (EZB)die Zinsen früher anhebt als geplant, warnen Volkswirte. Zudem könnte der Verlust an Kaufkraft die Nachfrage schwächen. Für einen weiteren Risikofaktor halten Experten die anstehende Tarifrunde. Gelänge es den Gewerkschaften, Lohnzuwächse von mehr als drei Prozent durchzusetzen, würde die Teuerung weiter zunehmen. EZB-Chef Wim Duisenberg schloss ein kurzfristiges Anziehen des Preisauftriebs nicht aus. "Dies sollte jedoch nicht Besorgnis erregend sein", sagte er.

"Wenn der Inflations-Trend anhält, werden wir die Wachstumsprognosen wieder nach unten korrigieren müssen", warnte Ulrich Ramm, Chefvolkswirt der Commerzbank in Frankfurt (Main), im Gespräch mit dieser Zeitung. Verantwortlich dafür sei, dass die EZB die Zinsen anheben müsse, um die Inflation zu bremsen. Außerdem schwäche die Teuerung die Binnennachfrage. Nach einer Faustformel bedeutet eine um einen Prozentpunkt höhere Inflationsrate einen Kaufkraftverlust von rund zwölf Milliarden Euro. Schon jetzt, so Ramm, sei die Annahme Makulatur, 2002 werde die Inflation im Jahresschnitt auf 1,5 Prozent sinken. Es bestehe jedoch Hoffnung, dass die Verbraucher teure Läden mieden und das Preisniveau daher bald wieder absinke. "Wenn im April bei der Teuerungsrate wieder eine Eins vor dem Komma steht, werden die Auswirkungen nicht so schlimm sein", sagte Ramm.

Ein weiterer Risikofaktor für die Konjunktur sei die anstehende Tarifrunde, erklärte Carsten-Patrick Meier, Ökonom beim Kieler Institut für Weltwirtschaft. "Lohnerhöhungen von drei Prozent sind die Obergrenze", sagte er. Mehr sei nicht durch das Produktivitätswachstum gedeckt.

Der Wirtschaftsweise Bert Rürup hatte am Dienstag im Tagesspiegel gewarnt, die Inflationsrate könnte im Januar im Jahresvergleich bei drei Prozent liegen. Auch EZB-Präsident Wim Duisenberg warnte vor höherer Inflation. Über die Ursachen herrscht unter Experten noch Unklarheit. Duisenberg sagte, ein messbarer Einfluss durch die Euro-Einführung sei nicht bekannt.

Eine Studie der Verbraucherzentralen kommt indes zu dem Schluss, dass durch den Euro viele Produkte und Dienstleistungen teurer geworden sind. Die Bundesbank nannte die Erhöhung indirekter Steuern als Ursache, außerdem habe der Winter den Preis für Obst und Gemüse nach oben getrieben. Auch eine Studie der Hypo-Vereinsbank kommt zu diesem Schluss. Das neue Geld habe nur mit 0,1 Prozentpunkten zu dem Preiseffekt beigetragen habe, erklärte Chefvolkswirt Thomas Hueck. Im Zuge der Einführung des Euro-Bargeldes habe es zwar im Dienstleistungssektor Preiserhöhungen um bis zu zehn Prozent gegeben. Doch dem hätten auch Preissenkungen bei Supermärkten gegenübergestanden.

Inflation schwer messbar

Statistik ist ein schwieriges Geschäft. Bei der Inflationsberechnung erheben die Statistikämter Monat für Monat die Preise für 750 Waren und Dienstleistungen vom Mischbrot über Mietpreise bis hin zum Motorrad. Alles zusammen ergibt den Warenkorb, aus dem der Anstieg der Verbraucherpreise errechnet wird. Probleme bereiten den Statistikern jedoch die Launen der Verbraucher, die ihr Kaufverhalten über die Jahre ändern. Alle fünf Jahre wird die Zusammensetzung des Korbes deshalb geändert, zuletzt im Jahre 1998. Damals wurden Leuchstoffröhren, Einweg-Blitzwürfel oder Chromputzmittel ausgemustert, hinein kamen Energiesparlampen, Handys, Mikrofaserjacken, Fruchtjoghurt, alkoholfreies Bier oder Körnerbrot.

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