Preise : Mit Vollgas in die Inflation

Ökonomen erwarten, dass die Teuerungsrate in Deutschland in den nächsten Jahren auf bis zu vier Prozent steigen wird. So teuer wird das Leben.

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Mit Limonade macht Ralf Brodnicki gerade kein gutes Geschäft. „Der Orangenpreis ist im letzten Jahr um 400 Prozent gestiegen“, sagt der Chef der Berliner Firma Spreequell. „Jetzt müssen wir auch erhöhen.“ 8,20 Euro kostet ein Kasten mit zwölf Flaschen Spreequell Orange derzeit im Getränkehandel, den Sprudel gibt es für 69 Cent pro Liter. Wie teuer die Limonaden und Mineralwässer von Spreequell noch werden, will Brodnicki nicht sagen, sicher aber ist: „Die Preise werden in diesem Jahr steigen. Das ist lebensnotwendig für uns.“

Andere Hersteller sind diesen Schritt längst gegangen. Im Schnitt sind die Fruchtsaftpreise seit Februar 2010 um zehn Prozent gestiegen, meldete das statistische Bundesamt am Freitag. Die allgemeine Teuerungsrate lag erstmals seit zweieinhalb Jahren bei über zwei Prozent. Die Zahl ist kritisch, weil die Europäische Zentralbank sie zum Zielwert ihrer Geldpolitik erklärt hat. Bis zu dieser Marke sprechen die Notenbanker von stabilen Preisen, darüber beginnt die Inflation.

Die Ökonomen sind sich einig, dass die Preise weiter steigen werden. Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer sagt: „Für dieses Jahr erwarten wir im Durchschnitt eine Inflationsrate von knapp über zwei Prozent. Mittelfristig, also in den nächsten zwei bis vier Jahren, müssen wir uns auf eine Rate von bis zu vier Prozent einstellen.“ Andreas Rees von der Bank Unicredit glaubt, dass die Inflationsrate schon Ende des Jahres bei mindestens 2,5 Prozent liegen wird, „ob es noch mehr wird, hängt vom Ölpreis ab“.

Die Inflation ist in erster Linie getrieben von der Preisexplosion an den Rohstoffmärkten. Betroffen sind nicht nur Öl, Gas, Kupfer oder Blei, sondern auch Lebensmittel wie Kaffee, Kakao oder Weizen. Würde man die Energiepreise herausrechnen, käme eine Inflationsrate von lediglich 1,2 Prozent dabei heraus. Für die Verbraucher ist das ein schwacher Trost. Zum einen nehmen sie höhere Preise an der Tankstelle stärker wahr als Preissteigerungen im Computerladen (siehe Text rechts). Zum anderen müssen die Unternehmen die höheren Kosten an sie weitergeben, wollen sie nicht auf ihre Gewinne verzichten. Spreequell leidet nicht nur unter teuren Orangen. Wenn der Ölpreis steigt, wird auch das Plastik für die Flaschen teurer, die Abfüllanlagen und die Brunnen verbrauchen viel Energie. Hinzu kommen die Löhne, die im letzten Jahr erhöht wurden. „Das können wir alles gar nicht ausgleichen“, sagt Geschäftsführer Brodnicki.

„Die Unternehmen können die Preise kaum in dem Maße erhöhen, in dem ihre Kosten steigen“, sagt Daniel Stelter, Partner bei der Unternehmensberatung Boston Consulting. Höhere Preise erwartet er vor allem in solchen Märkten, in denen die Verbraucher keine große Auswahl haben, etwa beim Sprit, oder im Gesundheitswesen. Nicht auszuschließen ist auch, dass manche Unternehmen die allgemeine Inflationsstimmung nutzen, um ihre Gewinnspanne zu erhöhen. „Es gibt Unternehmen, die keine Kostensteigerungen zu verzeichnen haben und die Preise trotzdem erhöhen“, bestätigt Stelter.

Auch die großen Lebensmittel- und Konsumgüterkonzerne, die unter hohem Wettbewerbsdruck stehen, wollen ihre Kosten weiterreichen. Dafür müssen sie mit den Händlern verhandeln, die überhaupt kein Interesse an höheren Preisen in ihren Läden haben. „Es gibt Forderungen der Industrie nach höheren Preisen“, berichtet der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands HDE, Stefan Genth, „aber der Handel erhöht nicht einfach.“ „Man verzichtet so lange auf die Marge, wie es geht“, bestätigt Georg Kaiser, Chef der Berliner Bio Company. Trotzdem müsse er in der kommenden Woche die Preise für 500 Artikel erhöhen, darunter vor allem Kaffee- und Kakaoprodukte, aber auch Gewürze. „Wir liegen aber noch lange nicht auf dem Preisniveau von 2008“, beruhigt Kaiser. Manche Preiserhöhung erkennt der Kunde auch erst auf den zweiten Blick. Die Verbraucherzentrale Hamburg registriert in letzter Zeit verstärkt Produkte, bei denen die Hersteller zwar den Preis nicht erhöhen, aber weniger Inhalt in die Packung füllen. Für den „Pampers Jumbo Pack“ von Procter&Gamble bezahlen Rossmann-Kunden nach wie vor 17,79 Euro. Die Packung enthält aber nur noch 96 Windeln, statt vorher 104. Eine Erhöhung um acht Prozent.

Für die Verbraucher wäre das nicht weiter tragisch, würden sie genauso viel verdienen, wie sie ausgeben müssen. Wenn man die Lohnerhöhungen der letzten zehn Jahre ins Verhältnis setzt zur Geldentwertung, haben die Arbeitnehmer in den meisten Jahren aber verloren (siehe Grafik). Till van Treeck, Referent beim gewerkschaftsnahen Wirtschaftsinstitut IMK, fordert darum, dass die Reallöhne „mindestens in dem Ausmaß steigen, in dem die Produktivität wächst.“ Das wiederum könnte die Inflation weiter anheizen. Wenn die Unternehmen nicht nur höhere Rohstoffpreise sondern auch deutlich höhere Löhne zahlen müssen, könnten sie die Preise erst recht erhöhen. Um eine solche Lohn-Preis-Spirale zu verhindern, will die EZB im April die Leitzinsen anheben und so dafür sorgen, dass Unternehmer und Privatleute sich nicht mehr so günstig Geld bei den Banken leihen können. In der Folge könnte die Nachfrage sinken und damit auch die Preise.

Deutsche-Bank-Volkswirt Thomas Mayer glaubt nicht, dass diese Rechnung aufgeht. Er erwartet, dass die EZB den Leitzins bis Ende des Jahres auf 1,75 Prozent anheben wird. „Am Anstieg der deutschen Inflationsrate wird das aber nichts ändern“, sagt der Ökonom. Die deutsche Wirtschaft werde in den nächsten Jahren so stark wachsen, dass sie eine derart moderate Zinserhöhung locker vertragen könne. Anders sei die Lage in den Schuldenstaaten am Rand der Eurozone. Auf ihre schwächelnde Wirtschaft würde sich eine stärkere Zinserhöhung sofort dämpfend auswirken. Ähnliches gilt für die USA, deren Notenbank bislang gar keine Anstalten macht, das Geld, das sie zur Krisenbekämpfung auf den Markt geworfen hat, wieder einzusammeln.

Die Europäische Zentralbank steckt nun in einem Dilemma, meint Mayer. Sie kann die Zinsen nicht allein erhöhen. „Ansonsten besteht die Gefahr, dass der Euro durch die Decke geht und die Wirtschaft am Boden liegt.“ Für die Eurozone sieht er darum nur einen Ausweg: Die schwächeren Länder müssen wettbewerbsfähiger werden. „Das schaffen sie nur, wenn ihre Löhne im internationalen Vergleich sinken und die Preisentwicklung moderat bleibt“, sagt Mayer. In Deutschland müssten die Löhne dafür steigen – und damit auch die Preise.

Es kann also nicht schaden, schnell noch einen Kasten Limonade zu kaufen.

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