Preiserhöhung : Vattenfall schwimmt mit dem Strom

Nach zwei Jahren Pause erhöht Berlins Grundversorger seine Tarife. Schuld seien die staatlichen Abgaben.

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Vattenfall erhöht mit einem Anstieg um 3,96 Prozent überdurchschnittlich stark, hat die Kunden aber auch recht lang verschont.
Vattenfall erhöht mit einem Anstieg um 3,96 Prozent überdurchschnittlich stark, hat die Kunden aber auch recht lang verschont.Foto: dpa

Wie zuvorkommend: Vattenfall entschuldigt sich vorsorglich schon mal für das schlechte, mitunter kaum verständliche Deutsch, das er seinen Kunden in Briefen zumutet. Alle 1,5 Millionen Privatkunden in Berlin sollen in diesen Tagen ein Schreiben von dem Energieversorger im Postkasten finden.

Einige Formulierungen darin seien „schon starker Tobak“, räumte Unternehmenssprecher Olaf Weidner am Donnerstag ein. Das liegt aber nicht etwa daran, dass das Unternehmen seit mehr als einem Jahrzehnt dem schwedischen Staat gehört. Vielmehr liegt es am deutschen Staat – und seinen Regeln.

Kunden bekommen Anfang April Post

Die Bundesnetzagentur macht als Regulierungsbehörde auf dem Strommarkt den Unternehmen, die in einem Versorgungsgebiet die größte Marktmacht haben, also den Grundversorger, spezielle Auflagen. Alles muss vollständig erklärt werden und juristisch sauber sein. So werden Kunden als Begründung für die ab April anstehende Preiserhöhung um knapp vier Prozent lesen, dass dafür unter anderem die zum Jahreswechsel erfolgte Erhöhung „§ 19 Abs. 2 StromNEV-Umlage“ verantwortlich sei.

Die Stromnetzentgeltverordnung regelt die Durchleitung des Stroms durch die Netze der Stromnetzbetreiber zu den Endkunden. Für die Wartung und durch den Energiewende-bedingten Ausbau der Netze entstehen den Betreibern steigende Kosten. Die geben alle Stromhändler – nicht nur Vattenfall – an die Endkunden weiter.

Versorger kann Preis nur geringfügig beeinflussen

Ein Beispiel: Der Beitrag gemäß „StromNEV“ ist mit aktuell 0,378 Cent je verbrauchter Kilowattstunde einer der kleineren Posten gemessen am Gesamtpreis von mehr als 30 Cent je Kilowattstunde. Berühmter und berüchtigter ist die sogenannte „EEG-Umlage“ (EEG steht für „Erneuerbare Energien Gesetz“):

Die stieg von 6,17 auf den Rekordwert von 6,354 Cent in diesem Jahr. Der Anteil all dieser Preisbestandteile, deren Höhe der Versorger nicht oder nur indirekt beeinflussen kann, machen inzwischen 79 Prozent des Gesamtpreises aus.

Von den restlichen 21 Prozent muss der Strom beschafft und vertrieben werden. Und ein Gewinn soll ja auch noch bleiben. Um das juristisch komplizierte Pflichtschreiben zu erklären, legt Vattenfall den Briefen noch ein Faltblatt bei – in verständlichem Deutsch verfasst, wie der Unternehmenssprecher verspricht.

Auch Privat- und Ökostromtarife werden teurer

An der für Kunden unerfreulichen Kernbotschaft ändert dies nichts: Vom 1. April an erhöht Vattenfall in Berlin die Grundbeträge der Tarife um 2,30 Euro pro Monat. Der Sockelbetrag des Standard-Tarifs Berlin Basis Privatstrom steigt von 5,90 auf 8,20 Euro im Monat, der entsprechende Ökostromtarif von 6,90 auf 9,20 Euro. Somit ergibt sich eine Preiserhöhung von 27,60 Euro im Jahr.

Dazu stellt der Versorger noch die genutzten Kilowattstunden (kWh) in Rechnung: 2200 kWh verbraucht ein Berliner Durchschnittshaushalt im Jahr. Unsere Tabellen zeigen Tarife für einen kleineren Single-Haushalt mit nur 1500 kWh Jahresverbrauch und für eine vier- oder fünfköpfige Familie mit 4000 Kilowattstunden. In letzterem Fall können Haushalte aktuell bis zu 1210 Euro im Jahr sparen, wenn sie sich von einem anderen Stromhändler beliefern lassen.

Zwei Jahre stabile Preise

In ländlichen Regionen sind Haushalte größer und verbrauchen im Schnitt mehr Strom als besagte 2200 kWh im Schnitt. Auch in Hamburg, wo Vattenfall ebenfalls mit einem Marktanteil von rund 70 Prozent der Grundversorger ist, verbrauchen Haushalte mehr. Auch dort steigen zum April die Preise.

Zwei Jahre lang hatte Vattenfall die Preise stabil gehalten. Nun schwimmt der Versorger mit dem Strom: Von den bundesweit rund 900 Stromgrundversorgern haben 187 ihre Tarife zum Januar oder Februar erhöht. 18 weitere haben entsprechende Schritte für März beziehungsweise April angekündigt – im Schnitt um 2,8 Prozent, wie das Vergleichsportal Check24 errechnet hat.

Vattenfall erhöht mit einem Anstieg um 3,96 Prozent also überdurchschnittlich stark, hat die Kunden aber auch recht lang verschont. In früheren Jahren hatten Berlins Stromkunden mehr Preisstress. Um dem vorzubeugen, bieten Vattenfall und viele Konkurrenten Tarife mit ein oder zweijähriger Preisgarantie an.

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