Wirtschaft : Preisjäger im Wedding

DANIEL WETZEL

"Frau Herzog nimmt gerne Forelle", weiß Ülter Dogan."14 Mark 90 das Kilo: Eigentlich ein billiger Fisch." Der Händler in der Weddinger Arminiushalle ist mit den kulinarischen Vorlieben des deutschen Staatsoberhauptes bestens vertraut.Einmal war der Herr Bundespräsident auch selbst da."Viktoriabarschfilet, grätenfrei, 27 Mark 90." Aber Christel Kolm winkt an diesem Mittwochmorgen ungeduldig ab.Für Dogans prominente Kundenliste hat sie keine Zeit.Und Forelle und Viktoriabarsch stehen nicht auf ihrer Liste: Das Statistische Landesamt will Seelachs und Kabeljau."Das ist alles so geblieben", gibt Dogan Bescheid."Bis auf Rotbarsch: Gestern 34,90 heute 29,80.Rotbarsch ist wie Roulette."

Christel Kolm notiert den Preis und macht als Zeichen für die starke Preisänderung ein "A" auf ihre Liste.Das erleichtert dem Statistischen Landesamt die Auswertung.Seit drei Jahren kontrolliert die ehemalige Justizangestellte mit einer dicken Liste unter dem Arm die Einzelhandelspreise an der Turmstraße.Bohrmaschinen, Eßbesteck, Schlauchboote, Brillantringe, Schirme, Schuhe, Schrippen stehen auf ihre Liste.51 Läden muß sie abklappern, darunter drei Drogerien, zwei Bäcker, ein Klempner, zwei Eisenwarenläden und eine Mieder-Boutique.Allein im Hertie verbringt sie zwei Stunden und notiert 138 Preise.Welche, hat ihr das Statistische Landesamt genau aufgeschrieben."Herren-Unterhose, Baumwoll-Slip mit Weichelastikband, Markenware Größe 5", wollen die Beamten zum Beispiel zu wissen."21,95 DM", trägt Frau Kolm ein.

"Alles wird teurer" - ob sie diesen Stoßseufzer in ihren sieben Jahren als Preisermittlerin schon oft ausgestoßen hat? "Bis vor zwei Jahren sind die Preise kontinuierlich gestiegen", berichtet Frau Kolm: "Aber seither ist alles billiger geworden." Selbst als im April die Mehrwertsteuer-Erhöhung in Kraft trat und sie bei ihren Rundgängen eine Menge Schreibkram auf sich zukommen sah, "da hat sich nüscht geändert".

"Offenbar waren höhere Preise gegenüber dem Kunden nicht mehr durchsetzbar", sagt Erwin Engels, Referent beim Statistischen Landesamt.Aus über 400 000 Einzelpreisen, die Chrisel Kolm und ihre 24 Kollegen ins Haus bringen, berechnet seine Behörde jeden Monat, wie stark die Lebenshaltungskosten für einen Haushalt steigen."Die Statistik ist runtergefieselt bis ins Letzte", sagt Engels.Das Amt weiß genau, daß der durchschnittliche Ost-Berliner Haushalt elf Tausendstel seines Einkommens für "Brühwurst, einschließlich Bratwurst, aber ohne Konserven" ausgibt.Immerhin 16 Tausendstel gehen für "Eintrittskarten im Fußballstadion" drauf.Möglich wird die präzise Angabe durch Haushaltsbücher, die von 300 repräsentativ ausgewählten Berliner Haushalten täglich akribisch geführt werden.

Allerdings, muß Engels einräumen, ist der so ermittelte "Warenkorb" nie aktuell.Schmerzlich erinnert sich der Statistiker an den Proteststrum von vergangener Woche: Das Amt hatte erklärt, daß die Miete im Westen 20 Prozent des Monatseinkommens ausmacht, im Osten aber nur 6,3 Prozent.Aufgebrachte Ost-Mieter witterten eine skandalöse Verharmlosung der tatsächlichen Zustände."Zur Zeit berechnen wir die Preisentwicklung halt noch auf der Basis von 1991", bedauert Engels.Die Umbasierung auf das Jahr 1995 ist jedoch in vollem Gang.Die Statistiker versuchen, mit den Konsumgewohnheiten Schritt zu halten und bestücken den Warenkorb neu.Beim letzten mal flogen Pelzmäntel, Dia-Rähmchen, Babygarn, Blitzlichtwürfel, Spaghetti und Feuersteine aus der Statistik raus.Neu rein kamen die Konsumenten-Hits des Jahres 1991: Wollmäntel, Mikrowellen, Kiwi, PC-Disketten und Blumenerde.Welche neuen Waren Christel Kolm künftig kontrollieren muß? Engels tippt auf Fahrrad-Helme, Farbdrucker und Iglu-Zelte.Hauszelte und Schnitzel-Gaststätten werden wegen mangelnder Nachfrage im nächsten Warenkorb wohl keinen Platz mehr haben.

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