Wirtschaft : Preisstabilität erschwert die Lösung der Finanzmisere

BASEL (egl/HB).Niedrige Preise erschweren nach Ansicht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) die Lösung der weltweiten Finanzkrise."Wenn die Preisstabilität auf den Verbrauchermärkten relativ hoch ist, können exzessive Kreditausweitungen und Spekulationsblasen auf den Finanzmärkten sehr gefährlich werden", sagt William White, der Chefökonom der BIZ.

"Die von niedriger Verbraucherpreisinflation begleiteten Spekulationsblasen sind besonders schwer zu korrigieren, weil ihre Bereinigung oft absolut niedrigere Preise notwendig macht." Das aber sei mit geringen Inflationsraten nicht möglich.Dieser Problematik müsse größte Aufmerksamkeit geschenkt werden, sagte White im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Die sich von Asien bis in die Industrieländer ausbreitende Finanzkrise bekräftigt nach seiner Auffassung die These, daß Spekulationsblasen immer erst im nachhinein auszumachen seien.Doch wenigstens könne man aus den historischen Wurzeln der heutigen Krise wichtige Lehren ziehen.Die exzessive Kreditvergabe in den 80er Jahren habe vor allem in den USA angeschlagene Banken zurückgelassen.Zur "Rekapitalisierung" der amerikanischen Banken, die durch die Schuldenkrise in Lateinamerika und hohe Verluste im Immobiliensektor noch weiter gefährdet waren, habe die US-Notenbank unter Alan Greenspan eine konsequente Niedrigzinspolitik verfolgt.Deswegen wurde der Dollar immer billiger.Zugleich wurden die D-Mark und der Yen immer teurer.

Das nach unten gedrückte Zinssniveau in vielen Teilen der Welt trieb Banken und Investoren auf der Suche nach besseren Renditen in immer höhere Risiken.Das wiederum ließ in der Industriewelt und in den aufstrebenden Volkswirtschaften die Preise für Finanzaktiva haussieren.Die Geldfülle von Dollar und Yen finanzierte auf der ganzen Welt einen regelrechten Investitionsboom zu sehr niedrigen Zinsen.Folge waren erhebliche Überkapazitäten - von denen schließlich in vielen Teilen der Welt die heute depressive Konjunktur ausging.

Zwar, so White, habe die BIZ schon seit längerem auf die Entwicklung hingewiesen.Von der Plötzlichkeit und den Dimensionen des Umschlags der gewaltigen privaten Kapitalströme sei freilich auch sie überrascht worden.Daß sich nach dem russischen Schuldenmoratorium so viele Marktakteure aus den aufstrebenden Weltregionen als Kapitalgeber zurückziehen, führe in den früheren Boomregionen nun wie eine konjunkturelle Vollbremsung.Mit einem Schlag habe sich die Risikoeinschätzung im globalen Maßstab drastisch verändert."Die plötzliche Sensibilität gegenüber Kreditrisiken, Liquiditätsrisiken und Transferrisiken nach dem Rußland-Debakel zeigt, daß den spekulativen Aufwärtsbewegungen ebenso übertriebene Kurs- und Preisstürze folgen."

Nicht nur Kommandowirtschaften mit Kapitalverkehrskontrollen verschwendeten also riesige Kapitalaufkommen: Auch in einer Weltwirtschaft mit zunehmender Liberalisierung des Kapitalverkehrs könne es durch Währungsturbulenzen und durch den Absturz der Wertpapierkurse zu einer gigantischen Vernichtigung von Vermögenswerten kommen.

Die einzige Lehre für Notenbanken und Regierungen: Es ist auch nach den jüngsten Turbulenzen schwer, die Spekulationsblasen rechtzeitig zu entdecken - und deshalb ausgeschlossen, die dann erforderlichen unpopulären Korrekturen durchzusetzen.

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