Wirtschaft : Preisunterschiede bleiben in Euroland bestehen

Klaus Gossen hat seine Karriere auf dem Euro aufgebaut.Der Manager leitet bei der Braun AG die Abteilung europäischer Vertrieb und hat dazu beigetragen, daß sich der Produzent von elektronischen Rasierern und Kaffemaschinen zu einer der bekanntesten Marke in Europa etablierte, wie die amerikanische Zeitung Herald Tribune in ihrer Montagsausgabe schreibt.Der Euro wäre eigentlich ein Anlaß zur Freude, so könnte man meinen.Mit der einheitlichen Währung, die ab 1.Januar als Buchgeld und ab 2002 in Münzen und Scheinen die nationalen Währungen ablöst, entfallen die Wechselgebühren und das umständliche Umrechnen.Doch Gossen von der Braun AG ist weit von Euphorie entfernt: Er befürchtet, daß der grenzüberschreitende Verkehr zunimmt, die unterschiedlichen Preise in den Ländern sich angleichen werden und Konsumenten und Einzelhändler Druck auf die Hersteller ausüben.

Die Waren des Hausgeräteherstellers Braun, etwa elektrische Rasierapparate, werden in Deutschland, Spanien und Italien zu unterschiedlichen Preisen verkauft.Das gleiche gilt für Autos - gleiche Modelle weichen je nach Land, wo das Fahrzeug verkauft wird, voneinander ab - und für eine Vielzahl anderer Produkte.Ein Deutscher zahlt für einen Ford Mondeo 43 Prozent mehr als ein Franzose.Gleichen sich die Preise an, weil Kunden mit der Einführung der einheitlichen Währung die Preise besser vergleichen können werden? Und führt das wegen mehr Konkurrenz zu einem Druck auf die Anbieter, so daß die Preise im Durchschnitt sinken, sich also auf einem eher niedrigen Niveau angleichen?

Es ist damit zu rechnen, daß die Preise identischer Produkte in den einzelnen europäischen Ländern sich etwas annähern werden.Doch mehrere Gründe sprechen dafür, daß Preisunterschiede bestehen bleiben: Unterschiedliche Geschmäcker und Bräuche in den elf Mitgliedsländer der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (EWU), divergierende Einzelhandelssysteme, logistische Fragen sowie unterschiedliche Gesetzesvorschriften.

Nicht nur beim Kaffe weichen die Konsumangwohnheiten von Finnen, Iren und Deutschen stark voneinander ab.Italiener kaufen riesige Familienflaschen in Sachen Shampoo, Franzosen halten es individueller mit kleinen Flaschen.Bei Autos müssen die Modelle für italienische Autofahrer mit Klimaanlage ausgerüstet sein, das kühle Wetter in Deutschland macht dies hingegen zu einem verzichtbaren Extra.

Auch die Handelssysteme divergieren in den europäischen Ländern.Wer einmal sein Baguette und Wein im französischen Supermarkt Carrefour gekauft hat, wird sein erstes Staunen über 50 Kassen und Ladenangestellten, welche die weite Fläche mit Rollschuhen bewältigen, nicht vergessen.Von Kleidung, Büchern, elektronischen Geräten bis Joghurt und Brot kaufen Franzosen alles Lebensnotwendige an einem Ort.Hingegen hat Spanien ähnlich wie Deutschland viele kleine Fachgeschäfte.

Und nicht zuletzt muß an die Logistik gedacht werden.Wird Cola in Spanien plötzlich billiger als in Frankreich, kann die französische Handelskette Carrefour unmöglich auf einen Schlag seine 130 Supermärkte in Frankreich mit Cola aus Spanien beliefern.Ein vierter Grund, der für bleibende Preisunterschiede spricht: Unterschiedliche gesetzliche Vorschriften in den einzelnen Ländern.Frankreich verbietet seinen Händlern mehr für ihre Produkte zu nehmen, als auf ihren Rechnungen ausgezeichnet ist; sie verdienen stattdessen daran, daß sie mit Einzelhändlern Rabatte aushandeln.Aspirin darf in Deutschland nur in Apotheken verkauft werden und nicht wie in anderen Ländern in Supermärkten, was an den Preisen zu merken ist.Zudem weichen die Steuersysteme in Europa erheblich voneinander ab.Nicht nur bei den Mehrwertsteuersätzen unterscheiden sich die Steuern.In einigen der elf EWU-Ländern erhebt der Fiskus Steuern, die anderswo ein Fremdwort sind, etwa Luxussteuern auf teure Gebrauchsgegenstände.

Gegen einheitliche Preise im Zuge der EWU spricht schließlich auch der schlichte Tatbestand, daß Preisnachlässe, Rabatte und Werbeangebote im Einzelhandel an der Tagesordnung sind.Allein schon dies verschleiert die Preistransparenz, die nach der ökonomischen Theorie ab 2002 Einzug hält in Euroland.

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