Wirtschaft : Preussag: Die neue Nummer eins in der Reisebranche

Martina Ohm

Ursprünglich wollte Stefan Pichler, Chef von C & N-Touristic, den Thomson-Deal selbst unter Dach und Fach bringen. Der agile Ex-Vertriebschef der Lufthansa, seit Jahresanfang an der Spitze des Reisekonzerns Condor / Neckermann, hatte mit seinen beiden Geldgebern alles besprochen. Lufthansa und Karstadt-Quelle gaben für die Transaktion grünes Licht. Mit den Briten an Bord sollte Pichler den Erzrivalen Preussag überrunden und in Europa auf Platz zwei verdrängen. Dem Gang an die Börse wäre Pichler danach einen Schritt näher gewesen. Doch dann legte Preussag-Chef Michael Frenzel noch eins drauf.

Für 180 Pence pro Aktie - 20 Pence mehr als Pichler & Co. bieten wollten - erwirbt Europas größter Reisekonzern, die Preussag AG aus Hannover, nun die britische Thomson Travel Group, den größten Verkäufer für Familienferien auf der Insel. Die EU-Wettbewerbskommission wird sich mit einer Standardprüfung zufrieden geben. Brüssel besteht nur auf dem Verkauf von Thomas Cook, dem drittgrößten britischen Reiseveranstalter, den sich Preussag 1999 einverleibte. Die Übernahme von Thomson für schlappe sechs Milliarden Mark katapultiert den einstigen Gemischtwarenladen Preussag auf Platz eins im weltweiten Tourismusgeschäft; vorbei am bisherigen Branchenführer, dem Japan Travel Bureau. Statt Stahl und Kohle setzt Michael Frenzel, seit 1994 an der Spitze von Preussag, mittlerweile voll auf die Reisebranche. Jede zweite Umsatzmark geht auf das Konto Tourismus.

Mit der Westdeutschen Landesbank (WestLB), die über 30 Prozent an Preussag hält, verfügt Frenzel über eine sichere Bank. WestLB-Chef Friedel Neuber hatte den Juristen Frenzel selber angeheuert. Den Bankchef Neuber lernte Frenzel seinerzeit als SPD-Kommunalpolitiker in Duisburg kennen. Neuber machte Frenzel erst zum Chef der Beteiligungsverwaltung und dann zum Chef von Preussag. Und Neuber war es auch, der das Fundament für den Reisekonzern legte. Frenzel musste seine Ideen nur zu Ende bringen. Mit der vollständigen Integration von TUI und dem Hamburger Touristik-Konzern Hapag Lloyd gelang der Durchbruch. Allein 1999 verreisten über zwölf Millionen Menschen mit einer der 39 Marken der TUI Gruppe (siehe Tabelle).

Unter Analysten gehen die Meinungen über den Thomson-Deal allerdings auseinander. Zwar wird gemeinhin anerkannt, dass TUI und Thomson ausgezeichnet zueinander passen. Doch den meisten sind die sechs Milliarden, die Preussag-Chef Frenzel zahlen will, schlichtweg zu viel. Sechs Milliarden - so viel haben fast die gesamten Touristik-Beteiligungen von Preussag gekostet. Und dabei präsentiert sich Thomson nicht einmal in Top-Form. Seitdem die Briten im Mai 1998 an die Börse gingen, sank der Thomson-Kurs von 170 Pence auf zeitweise 69 Pence. Das letzte Geschäftsjahr mit einem Gewinneinbruch von 38 Prozent auf 77 Millionen Pfund war alles andere als ein Glanzstück. Weil die Zahlen nicht stimmten, wurde der langjährige Firmenchef Paul Brett gefeuert. Charles Gurassa von British Airways übernahm Anfang Dezember das Zepter. Immerhin: Seit Februar erholt sich die Thomson-Aktie. Anders als das Preussag-Papier. Mittlerweile ist die Aktie, noch im Februar 50 Euro wert, auf knapp 30 Euro gerutscht - ein Jahrestief.

Kerstin Landau vom Bankhaus Julius Bär stört nicht nur der hohe Preis für Thomson, sondern auch das Finanzierungsmodell. Statt auf Fremdfinanzierung zu setzen, will Preussag einen Anteil der börsennotierten Tochter Hapag Lloyd an der Börse verkaufen, eine Kapitalerhöhung durchziehen und die 30 000 Wohnungen aus dem Bestand der Salzgitter AG verkaufen. Die entgangenen Gewinne, berechnet Landau, überträfen die fiktiven Zinsen. Kritisch bewertet Landau außerdem das Verhalten des Preussag-Chefs. Der habe durch sein überraschendes Übernahmeangebot die Glaubwürdigkeit des Managements aufs Spiel gesetzt. Immerhin hatte Frenzel noch kurz vor dem Coup die C & N-Offerte als überteuert abgetan - "ein kommunikatives Desaster", findet die Analystin. Auch Pia-Christina Schulze vom Bankhaus Merck Finck & Co macht aus ihrer Meinung keinen Hehl: "Im Moment würde ich von Preussag die Finger lassen." Michael Riedel von der Bankgesellschaft Berlin sieht für Preussag nicht so schwarz. Nach den Gewinnwarnungen des britischen Veranstalters Airtours und der Fluggesellschaft LTU seien alle Titel der Branche unter Druck geraten. Riedel: "Alle müssen dieses Jahr kleinere Brötchen backen."

Derweil herrscht bei der Konkurrenz nach dem Thomson-Deal betonte Gelassenheit. Der Kölner Einzelhändler Rewe, mit dem Veranstalter ITS und der Reisebürokette Atlas am Markt, hält nach einer konzerneigenen Fluggesellschaft Ausschau. Und Gerd Leidinger, Pressesprecher von C & N, versichert: "Wir stehen nicht unter Druck". Mit den Briten sei man weiter im Gespräch. Und dazu gehören nicht nur Airtours oder First Choice. Thomas Cook ist derzeit frisch im Angebot.

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