Wirtschaft : Preussag mischt mit Hapag-Lloyd den Reisemarkt auf

Konzern will Transport- und Touristikunternehmen für 2,8 Mrd.DM kaufen / Neuer Reisegigant entsteht

HANNOVER (beu/lip/AP/dpa).Auf dem deutschen Reisemarkt entsteht ein neuer Riese.Die Preussag AG kauft sich für 2,8 Mrd.DM fast 100 Prozent der Anteile am Transport- und Tourismuskonzern Hapag-Lloyd (HL) zusammen.Dies teilte das Unternehmen am Dienstag in Hannover mit.Stimmen Aufsichtsrat und Kartellamt zu, stehen sich künftig zwei Großanbieter im Kampf um die reisefreudigen Bundesbürger gegenüber: eine Gruppe aus dem Branchenführer TUI, dem Charterflieger LTU und Hapag-Lloyd sowie der geplante Verbund zwischen Lufthansa und dem Reiseveranstalter NUR. Preussag übernimmt eigenen Angaben zufolge von den sieben Großaktionären der Hapag-Lloyd 99,2 Prozent am Grundkapital des Traditionsunternehmens.Der Kaufpreis beträgt 1040 DM pro Aktie im Nennwert von 50 DM.Preussag-Vorstandsvorsitzender Michael Frenzel sicherte zu, Hapag-Lloyd nicht zu zerschlagen, sondern in seiner Struktur am Standort Hamburg weiterzuentwickeln.Dort arbeiten allein 1750 der insgesamt 7300 Hapag-Mitarbeiter in Deutschland.Branchenkenner erklärten jedoch, eine spätere Zergliederung von Hapag-Lloyd sei nicht auszuschließen.Eine HL-Sprecherin wertete den Kauf durch Preussag als eine "ganz freundliche Übernahme".Preussag hatte bereits im Juni offiziell sein Interesse an dem 150 Jahre alten hanseatischen Unternehmen erklärt.Preussag unterzeichnete die Verträge mit den bisherigen Eignern Lufthansa, Veba, der belgischen Gevaert NV (jeweils rund 18 Prozent) sowie Metro (15 Prozent) über zusammen 69 Prozent der Anteile bereits am Montag.Am Dienstag wurden auch der Kauf von jeweils zehn Prozent der Hapag-Aktien von der Deutschen Bank, der Dresdner Bank und der Veritas Vermögensverwaltungsgesellschaft abgeschlossen.Gestaffelt nach ihren Anteilen bekommen die Verkäufer von Preussag 508, 420 oder 280 Mill.DM. Nach den Worten von Preussag-Chef Frenzel ist Hapag-Lloyd mit den Sparten Logistik, Schiffahrt und Touristik eine "gute Ergänzung im Ausbaufeld logistische Dienstleistung der Preussag".Mit dem Kauf komme Preussag "ein gutes Stück auf dem Weg in die Nachrohstoffzeit" voran.Sprecherin Susanne Knorre sagte, Preussag betrete im Wachstumsbereich Tourismus Neuland.Gleichzeitig hatte das Unternehmen in den vergangenen Monaten seine Aktivitäten in der Erzeugung von Nicht-Eisen-Metallen zurückgefahren.Mit Hapag übernimmt Preussag insgesamt 9000 Beschäftigte und ein Umsatzvolumen von 4,5 Mrd.DM.Entlassungen größeren Stils sind nach den Äußerungen der Preussag-Sprecherin nicht geplant.Preussag erwäge auch, den Hapag-Einfluß beim größten europäischen Reiseveranstalter, der TUI, von bislang 30 Prozent auszubauen.Im Hintergrund dürfte dabei die Westdeutsche Landesbank stehen.Sie ist mit mehr als 25 Prozent größter Preussag-Aktionär und hält 30 Prozent an der TUI.Die Preussag-Sprecherin wollte nicht ausschließen, daß HL diese Anteile übernimmt.Die West/LB wollte sich zu der Übernahme nicht äußern. Der Vorsitzende des Betriebsrates der HL-Linienschiffahrt, Uwe Klein, sagte, der Betriebsrat setze sein Vertrauen auf die Zusage, daß HL als Ganzes erhalten bleiben solle.Die Deutsche Angestellten Gewerkschaft (DAG) bewertete die Übernahme als "noch positiv".Bei den Gesprächen der Vorstände sei klar gewesen, "daß HL nicht geteilt wird und daß es keine Gefährdung für Arbeitsplätze gibt", sagte der Leiter der DAG-Berufsgruppe Schiffahrt, Frank Müller. An der Frankfurter Börse sorgte der Kauf für Gesprächsstoff.Das Preussag-Papier zog zunächst um 7,50 auf 514 DM an, lag gegen Mittag aber mit 508 DM nur noch 1,50 DM vorn.Die Veräußerung der Hapag-Aktien begründeten die Alteigentümer mit der Bereinigung ihrer Industriebeteiligungen.Vor allem die Geldinstitute stehen seit Jahren unter dem Stichwort "Bankenmacht" unter Druck, Anteile an Drittfirmen abzubauen.Im Rahmen der freiwilligen Selbstverpflichtung auf den Übernahmekodex der Börse will Preussag auch den freien Aktionären zu gegebener Zeit die Übernahme ihrer Aktien anbieten.Im Streubesitz sind insgesamt 0,8 Prozent des Grundkapitals der Hapag-Lloyd. Die Reaktionen auf das Geschäft waren durchweg positiv.Die Verkäufer erhielten hohe Millionenbeträge, die sie gut für Zukunftsprojekte oder zum Ausgleich von Verlusten gebrauchen könnten, hieß es in Fachkreisen.Besonders vorteilhaft sei der Verkauf für die Lufthansa, die so einen wichtige Bedingung für die kartellrechtliche Zustimmung zur geplanten Verbindung ihrer Chartertochter Condor mit dem Veranstalter NUR erfülle.Lufthansa selbst erklärte, der Verkauf ergebe sich aus der strategischen Neuorientierung des touristischen Geschäfts.

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