Wirtschaft : Prima Klima

Ifo-Index steigt unerwartet auf Fünf-Jahres-Hoch – selbst der Handel und die Baubranche beurteilen ihre Lage optimistischer

Dagmar Rosenfeld

Berlin - In Deutschland ist Optimismus ausgebrochen – zumindest in der Wirtschaft. Nicht nur die Industrie, sondern auch der Einzel- und Großhandel sowie die Bauwirtschaft beurteilen ihre geschäftliche Lage so gut wie seit fünf Jahren nicht mehr. Das ergibt der Geschäftsklimaindex des Münchener Ifo-Instituts, der am Freitag veröffentlicht worden ist. So ist der Ifo-Index im Dezember überraschend stark von 97,8 auf 99,6 Punkte gestiegen und ist damit so hoch wie zuletzt im August 2000. Dabei schätzten die rund 7000 befragten Firmen sowohl ihre gegenwärtige Lage als auch die Aussichten deutlich günstiger ein als noch im November.

Die Bundesregierung reklamiert die positive Entwicklung für sich. Der gefühlte Aufschwung ist „ein Stück weit der Aufschwung der Bundeskanzlerin Angela Merkel“, sagte Regierungssprecher Thomas Steg. Konjunkturexperten beurteilen das allerdings anders. „Die optimistischere Stimmung bei den Unternehmen ist weniger auf das Regierungsprogramm der großen Koalition zurückzuführen, als auf die Tatsache, dass wir überhaupt wieder eine handlungsfähige Regierung haben“, sagte Reinhard Kudiß, Chefvolkswirt des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), dem Tagesspiegel. Jetzt komme es darauf an, dass die Regierung die Reformen umsetze.

Auch in den Berliner Wirtschaft ist trotz Jobabbau in Industrie und Baugewerbe die Stimmung positiv. „Die Unternehmer sind mit ihrer Situation zufrieden“, hieß es bei der Berliner IHK. Das geht aus dem jüngsten IHK-Konjunkturbericht hervor. Darin stieg der Berliner Geschäftsklimaindex ebenfalls auf ein Fünf-Jahres-Hoch. Für das Gesamtjahr 2005 rechnet IHK-Chef Eric Schweitzer mit einem Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent.

Ifo-Chefvolkswirt Gernot Nerb sagte zur Entwicklung des Ifo-Geschäftsklimas, es sei besonders erfreulich, dass mit Bau und Einzelhandel die „Kellerkinder der Konjunktur“ wieder nach vorne zu kommen scheinen. Die Branchen selber schätzen die Lage allerdings nicht so optimistisch ein. Der Handel sei mit der aktuellen Lage, also dem Verlauf des Weihnachtsgeschäfts, zwar nicht unzufrieden, sagte Holger Wenzel, Geschäftsführer des Branchenverbands HDE. „Anlass für Euphorie gibt es aber nicht“, betonte er. Die Branche hat sich das Ziel gesetzt, den Weihnachtsumsatz des Vorjahres zu erreichen. Der lag in den Monaten November und Dezember bei 68,1 Milliarden Euro – das schlechteste Ergebnis seit Jahren. Die Gesamtentwicklung für 2006 beurteilt der HDE optimistischer. „Wir glauben, dass wir beim Umsatz aus dem Minus rauskommen und mit einer Null abschließen werden“, sagte Wenzel.

Auch das zweite Kellerkind, die Baubranche, hat nicht nur Anlass zur Freude. Zwar bessert sich die Auftragslage der Bauindustrie, die vor allem im gewerblichen Bau tätig ist. Doch der Zentralverband des Baugewerbes (ZDB), der kleine und mittelständische Firmen vertritt, ist mit der Situation der Branche keineswegs zufrieden. „Beim Ifo-Geschäftsklima reden vor allem die großen Betriebe mit“, sagte ZDB-Sprecherin Ilona Klein dem Tagesspiegel. Der Mittelstand hingegen, der auf den Wohnungsbau angewiesen sei, verzeichne deutlich weniger Aufträge. So sei die Zahl der Bauanträge in diesem Bereich gegenüber dem Vorjahr um fast 15 Prozent zurückgegangen. „Durch den Wegfall der Eigenheimzulage wird sich die Auftragslage wohl weiter verschlechtern“, sagte Klein.

Die Industrie ist vor allem durch die „exzellente Ausfuhrentwicklung“ optimistisch gestimmt, wie BDI-Chefvolkswirt Kudiß sagte. Ebenso würden die Ausrüstungsinvestitionen in Deutschland wieder steigen. Kudiß geht davon aus, dass der massive Stellenabbau in der Industrie beendet ist. Die Branche hat seit 2000 knapp eine halbe Million Stellen abgebaut. „Für 2005 rechnen wir bei der Beschäftigung noch mit einem Minus von 1,5 Prozent“, sagte Kudiß. Nach dem Aderlass der letzten Jahre werde sich aber die Beschäftigungsentwicklung in der Industrie 2006 stabilisieren.

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