Wirtschaft : Prinzip Zuversicht

In welchen Berufen es die meisten Arbeitslosen gibt – und warum sich Jugendliche bei der Berufswahl davon nicht zu sehr beeinflussen lassen sollten

Benjamin Haerdle
Gefragt. Mehr als jeder dritte Koch in Berlin sucht eine Stelle. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Gefragt. Mehr als jeder dritte Koch in Berlin sucht eine Stelle. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Sie stehen weit oben auf der Liste der Jobs mit schlechten Karrierechancen. 22 080 Verkäufer, 11 867 Köche und 9882 Bürofachkräfte waren im Dezember 2010 in Berlin arbeitslos gemeldet. Auch einige Akademikerberufe finden sich auf den Spitzenplätzen: 2097 Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler sowie 1915 Geisteswissenschaftler waren Ende des vergangenen Jahres auf Jobsuche. Erstellt hat diese Liste der Berufe mit den meisten Arbeitslosen Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Seiner Studie hat der DIW-Referent Statistiken der Bundesagentur für Arbeit zugrunde gelegt.

Dass in Berlin viele Menschen ohne Job sind, ist nicht neu. Die aktuelle Arbeitslosenquote liegt bei 13,3 Prozent. Neu war für Brenke aber das Ausmaß der Arbeitslosigkeit in einzelnen Berufen, auf das er bei seiner Recherche stieß. So war im Dezember vergangenen Jahres mehr als jeder dritte Koch (35,3 Prozent) ohne Job. Noch schlechter stand es mit 54,9 Prozent Arbeitslosen bei den Werkschützern. 53,3 Prozent der Maler und Lackierer waren arbeitslos und 45,4 Prozent der Maurer.

Mit solchen Statistiken stößt der Wirtschaftsforscher bei Olaf Möller, dem Sprecher der Arbeitsagentur Berlin-Brandenburg, allerdings auf wenig Begeisterung. „Diese Tabellen sind zu statisch“, sagt er. Sie spiegelten nicht den dynamischen Arbeitsmarkt wider, das sich ständig ändernde Angebot an Arbeitsplätzen. Außerdem erfahre man aus diesen Zahlen nicht, warum jemand arbeitslos sei. Ist er nicht gut genug qualifiziert? Fügt er sich schlecht in eine Team ein? Ist er nicht bereit, am Wochenende und abends zu arbeiten oder weite Anfahrtswege in Kauf zu nehmen? Arbeitslosigkeit hänge oft von individuellen Faktoren ab und nicht nur von dem Beruf, den man erlernt habe.

Auch beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg hält man wenig von den Zahlenspielen des DIW. „Diese Statistiken können in die Irre führen, wenn sich Jugendliche daran orientieren und sich vor Beginn des Studiums oder der Ausbildung jene Berufe aussuchen, die erfolgversprechend scheinen“, sagt IAB-Sprecher Wolfgang Braun. Sei die Ausbildung dann beendet, könne sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt längst wieder geändert haben.

Dass die DIW-Studie einen Haken hat, wenn es um die Berufswahl geht, zeigt zudem, dass sich dort auch jene Berufe finden, die Firmen heute händeringend suchen. So waren Ende des vergangenen Jahres etwa 1485 Elektroinstallateure und -monteure arbeitssuchend. „Der Beruf als solcher ist gefragt, aber die Arbeitgeber haben hohe Ansprüche und die kann nicht jeder erfüllen“, erklärt der Arbeitsagentursprecher Möller. Installateure und Monteure im Elektrobereich sollten deshalb technisch immer auf dem neuesten Stand sein, sich stetig weiterbilden und von Arbeitgebern gefragte Zertifikate erwerben.

Zum einen lassen sich Karrieresackgassen durch Weiterbildung vermeiden, Zum anderen aber durchaus auch durch ausführliche Recherche vor der Berufswahl, meint dagegen Gerd Woweries, Bereichsleiter Ausbildung bei der Industrie- und Handelskammer Berlin. Ein großes Problem sieht er darin, dass die meisten Jugendlichen nicht mehr als zehn Ausbildungsberufe kennen. „Dabei gibt es 360“, sagt er. Agentursprecher Möller rät, neben dem Erstwunsch noch Alternativen parat zu haben: „Berufskarrieren sind mittlerweile so dynamisch, dass fast niemand mehr in dem Job bleibt, mit dem er begonnen hat.“ Oft gebe es auch dem Wunschberuf sehr ähnliche Berufe, die aber sehr viel bessere Jobchancen bieten, als die weithin bekannten.

Bestätigt hat die DIW-Studie einmal mehr das Dilemma der Arbeitslosigkeit von Kreativen in Berlin. So ist danach die Arbeitslosenquote bei darstellenden Künstlern, in künstlerischen Berufen und bei Publizisten hier doppelt so hoch wie anderswo in Deutschland. 40,6 Prozent der bildenden Künstler und Grafiker in Berlin sind ohne Job, bundesweit liegt die Quote bei 18,1 Prozent.

Ein Grund für die hohe Arbeitslosigkeit in diesem Bereich ist laut Arbeitsagentursprecher Möller die hohe Hochschuldichte der Stadt. „Einige 100 Absolventen verlassen in jedem Jahr die Kunst- und Musikhochschulen“, sagt er. „Finden sie nichts, melden sie sich arbeitslos – oder machen sich selbstständig.“ Inzwischen bieten das Bundeswirtschaftsministerium, die Karrierecenter der Hochschulen und Beraterfirmen Tipps und Kurse für den Start ins Unternehmertum.

Ähnlich wie bei den Kreativen sieht es in Berlin für Geisteswissenschaftler aus, jeder fünfte ist ohne Arbeit. Bei den Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern hat fast jeder Dritte (29,4 Prozent) keinen Job. DIW-Experte Brenke sieht in der hohen Hochschuldichte nur eine der Ursachen dafür. Attraktive Städte wie Berlin seien für Menschen in diesen Tätigkeitsfeldern wie ein Magnet – unabhängig von der Situation auf dem Arbeitsmarkt.

Großen Anlass zur Sorge sieht Brenke für Akademiker aber nicht: „Die Arbeitslosigkeit von Hochschulabsolventen ist deutlich geringer als die von Nicht-Akademikern.“ Bundesweit (ohne Berlin) haben 5,4 Prozent der Arbeitslosen einen Hochschulabschluss. In Berlin ist zwar fast jeder zehnte Arbeitslose (9,9 Prozent) Akademiker. Doch dieser hohe Anteil sei für Großstädte nicht ungewöhnlich und ihre Beschäftigungschancen im Allgemeinen relativ gut.

Karriereberaterin Svenja Hofert empfiehlt angehenden Studierenden angesichts der DIW-Studie dennoch zur Vorsicht. „Diese Statistiken sind schon sehr aussagekräftig“, sagt sie. Deshalb sollte, wer etwa Soziologie, Politologie oder Germanistik studieren möchte, ein gutes Konzept für den Berufsstart haben. „Das Studium sollte den Neigungen entsprechen. Doch schon an der Hochschule ist es wichtig, sich in einem aussichtsreichen anderen Bereich zu spezialisieren“, rät Hofert. So solle sich ein Germanist etwa nicht zu schade sein, als technischer Redakteur zu arbeiten – und sich entsprechend qualifizieren.

Die DIW-Studie steht im Internet unter www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.376650.de /11-30-1.pdf

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