Private Hilfspakete : Rettet die Griechen!

Millionen und Milliarden sind nicht alles. Das Land braucht die Solidarität Europas - ob beim Sparen, beim Einkaufen oder im Urlaub. Was den Griechen wirklich hilft: Ein Überblick.

Und jetzt alle: Finanzminister Schäuble will die privaten Gläubiger an der Rettung Griechenlands beteiligen. Damit das Land aber wieder auf eigenen Füßen stehen kann, ist mehr nötig.
Und jetzt alle: Finanzminister Schäuble will die privaten Gläubiger an der Rettung Griechenlands beteiligen. Damit das Land aber...Foto: DPA

Hoffnung gibt es eigentlich keine. Griechenlands aktuelle Finanzdaten sind so schlecht, dass das Land eigentlich drei bis fünf Wirtschaftswunder bräuchte, um wieder auf die Füße zu kommen. Jeder siebte Grieche ist derzeit ohne Arbeit, die Wirtschaft schrumpft 2011 vermutlich das dritte Jahr in Folge, Schulden von gut 350 Milliarden Euro drücken die öffentlichen Kassen. Allein um ihre Verbindlichkeiten stabil zu halten, müssten die Hellenen knapp ein Zehntel ihrer Wirtschaftsleistung für den Schuldendienst aufwenden. Und das bei einem Bruttoinlandsprodukt, das dem des Bundeslandes Hessen entspricht.

Doch Ökonomen glauben, dass der Tiefpunkt der Krise nun durchschritten ist – zumindest, was die reinen Konjunkturzahlen betrifft. „Das Schlimmste ist überstanden“, sagt Uwe Angenendt, Chefvolkswirt der BHF-Bank. „Wenn die Weltwirtschaft mitspielt, werden die Griechen in absehbarer Zeit eine positive Entwicklung verzeichnen können.“

Wie das? Schon in den ersten drei Monaten dieses Jahres hatte Athen mit einem Wachstum von 0,8 Prozent gegenüber dem Vorquartal überrascht – immerhin so viel wie der Durchschnittswert der Euro-Zone. Das heißt zwar noch nicht, dass es auch in den übrigen drei Quartalen schwarze Zahlen geben wird. Die der Euphorie unverdächtige Industrieländer-Organisation OECD rechnet aber fest damit, dass die Wirtschaftsleistung im kommenden Jahr um 0,6 Prozent zulegen wird. Und im Jahrzehnt ab 2015 soll die Ökonomie des Landes jüngsten Prognosen zufolge gar um durchschnittlich 2,4 Prozent prosperieren. Dass sich Länder mit gewisser Anstrengung aus dem Schuldensumpf befreien können, haben in den neunziger Jahren bereits Belgien, Kanada oder die Vereinigten Staaten bewiesen – irgendwann sind sie dem Teufelskreis aus Sparen, Kürzen und Schrumpfen entkommen.

Zum europäischen Tigerstaat wird Griechenland damit zwar noch nicht. Die besseren Aussichten gehen Wirtschaftsforschern zufolge aber auf den Kraftakt der Sanierung zurück – so sind die Löhne teilweise um zehn Prozent und mehr gesunken. Das macht die Produkte auf den Weltmärkten wettbewerbsfähiger.

Die Deutschen haben dabei nicht merklich geholfen – sie kauften im ersten Quartal nur noch für eine halbe Milliarde Euro in Griechenland ein, das war ein deutlicher Rückgang. Feta, Olivenöl, Tabak oder Spargel hat die Inselwelt zu bieten, ein Fünftel der Agrarprodukte geht in den Export. Können die deutschen Verbraucher also einen zusätzlichen Beitrag zur Genesung Griechenlands leisten? „Es wäre einen Versuch wert“, sagt BHF-Chefökonom Angenendt. Carsten Brönstrup

Auslandsgriechen

Wer das Land unterstützen will, muss dafür nicht sofort die Koffer packen. Auch ein entspannter Abend beim Griechen um die Ecke kann helfen. Denn seit Ausbruch der Finanzkrise schicken viele griechische Emigranten in Deutschland, den USA oder Australien wieder verstärkt Geld in die Heimat. Im vergangenen Jahr überwiesen die Exilgriechen rund 2,1 Milliarden Dollar. Einer von ihnen ist Costas Cassambalis, Chef des gleichnamigen Restaurants in der Charlottenburger Grolmanstraße. Cassambalis lebt seit 40 Jahren in Deutschland. Seine gesamte Familie ist in Berlin. Doch als er kürzlich sein Haus in Griechenland verkaufte, legte er das Geld sofort wieder in seinem Heimatland an. „Wir lieben unser Land“, sagt der 66-jährige Gastwirt. Natürlich hätten die Griechen Fehler gemacht und müssten jetzt lernen, richtig zu haushalten. Dass sie das tun, daran hat Cassambalis keinen Zweifel: „Ich habe überhaupt keine Angst, dass etwas passiert.“ Um den Patriotismus der Emigranten in bare Münze umzuwandeln, plant die griechische Regierung sogar die Einführung von Diaspora-Anleihen. Wer noch keinen Lieblingsgriechen in Berlin hat, dem empfehlen wir noch zwei: Das Berkis am Winterfeldtplatz in Schöneberg ist einfach, preiswert und richtig gut. Etwas teurer, aber immer noch sehr gemütlich ist die preisgekrönte Taverne Pikilia in der Spanischen Allee in Zehlendorf. Miriam Schröder

Essen und Trinken

Weiße Rosen aus Athen? Wer die im Blumenladen verlangt, bekommt wahrscheinlich Ware aus Holland. Blumen spielen in der griechischen Exportstatistik keine nennenswerte Rolle. Griechenlandretter sollten stattdessen in den Feinkostabteilungen nach griechischen Produkten Ausschau halten. Damit tun sie etwas für Hellas – und für die eigene Gesundheit. Oliven, Schafs- oder Ziegenkäse, viel Obst und Gemüse, Fisch statt Fleisch: dieser Diät verdanken die Menschen auf der Insel Kreta eine überdurchschnittlich hohe Lebenserwartung. Einiges davon kann man auch in Deutschland kaufen: griechische Oliven und Olivenöl, und natürlich die Feta, den Schafs- oder Ziegenkäse. Die Feta gehört nicht nur in jeden griechischen Salat. Sie darf eigentlich als Beilage auf keinem Mittags- oder Abendtisch fehlen: als fingerdick geschnittene Scheibe, mit einem Schuss Olivenöl und einer kräftigen Prise Oregano. Auch regelmäßiger (mit der Betonung auf mäßiger) Rotweingenuss gehört zur Kreta-Diät. Den geharzten Retsina übrigens trinkt man in Griechenland fast gar nicht mehr. Dafür gibt es eine ganze Reihe guter Flaschenweine, von denen es einige auch die Regale deutscher Weinhandlungen geschafft haben. Wissenschaftlich nicht belegt, aber seit Generationen überliefert ist die nicht nur belebende, sondern angeblich auch lebensverlängernde Wirkung des hochprozentigen Ouzo oder des in Nordgriechenland getrunkenen Tsipouro – wer dran glaubt ... Gerd Höhler

Tourismus

Wer den Griechen wirklich helfen will, besucht sie am besten: der Tourismus steuert etwa 18 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei, sorgt für jeden fünften Arbeitsplatz und ist damit eine wichtige Säule der griechischen Wirtschaft. 2010 brachten ausländische Besucher 9,6 Milliarden Euro nach Griechenland – rund 800 Millionen weniger als im Vorjahr. Vor allem aus dem Fremdenverkehr könnten jene Wachstumsimpulse kommen, die das rezessionsgeplagte Land jetzt so dringend braucht. Und die ersten Signale sind positiv: im ersten Quartal 2011 stiegen die Tourismuseinnahmen in der Leistungsbilanz um fast fünf Prozent, und die Buchungen für diesen Sommer liegen im Schnitt um zehn Prozent über dem Vorjahresniveau. Weil die meisten Hoteliers ihre Preise wegen der Krise zurückgenommen haben, ist ein Griechenlandurlaub dieses Jahr preiswerter. Mit Billigzielen wie der türkischen Riviera können die Griechen zwar nicht mithalten, aber dafür bieten sie vor allem Individualreisenden eine große Vielfalt von Übernachtungsmöglichkeiten, die von gemütlichen Pensionen bis zu schicken Fünfsternehotels reichen. Neu in diesem Sommer: Der Komplex Costa Navarino an der Südwestküste der Halbinsel Peloponnes bietet mehrere Luxushotels und Golfplätze. Ein absolutes Muss in der Hauptstadt Athen – das neue Akropolismuseum. Gerd Höhler

Verkehr

„Ein Schiff wird kommen“, sang schon Melina Merkouri, das „Mädchen von Piräus“. Der größte Passagierhafen Europas ist auch heute die Drehscheibe für den Fährverkehr zu den rund 150 bewohnten Inseln der Ägäis. Aber Fähren mit der weißblauen Griechenflagge am Heck trifft man auch in den italienischen Häfen Venedig, Ancona, Bari und Brindisi an. Von dort fahren die Schiffe mehrmals täglich zum westgriechischen Hafen Patras. Es sind keineswegs rostige Seelenverkäufer, die auf diesen Routen eingesetzt werden, sondern überwiegend moderne Hochgeschwindigkeitsfähren. Die Überfahrt von Ancona nach Patras dauert etwa 20 Stunden. Von dort ist man mit dem Auto in drei Stunden in Athen. Wem das alles zu lange dauert, kann den Griechen helfen, wenn er mit einer griechischen Fluggesellschaft nach Hellas fliegt. Olympic Air hat sich nach ihrer Privatisierung im vergangenen Jahr zwar vom deutschen Markt zurückgezogen. Aber Aegean Airlines, Griechenlands größte Fluggesellschaft, fliegt von fünf deutschen Airports, darunter Tegel, nach Athen und Thessaloniki. Von dort bedient Aegean 13 Inlandsziele. Gerd Höhler

Kultur

Griechenland ist die Wiege der europäischen Kultur. Finanziell aber nutzen die Dichter und Denker der Antike dem Land heute nichts mehr. 70 Jahre nach dem Tod eines Künstlers erlöschen seine Urheberrechte. Wer heute eine griechische Tragödie auf die Bühne bringt, zahlt dafür keinen Cent an das Heimatland von Homer oder Sophokles. Auch wer die „Weißen Rosen aus Athen“ auf einer CD der legendären Nana Mouskouri ersteht, hilft Griechenland damit nicht wirklich: Die Dame lebt steuermindernd in Genf. Doch die griechische Kulturszene hat noch mehr zu bieten. Die moderne griechische Musik etwa, die sich immer noch von den traditionellen Volksliedern beeinflussen lässt. Dazu gehören die Singer-Songwriter Thanasis Papakonstantinou oder Sokratis Malamas. Und natürlich Eleftheria Arvanitaki. Die Sängerin gehört zu den kommerziell erfolgreichsten Künstlern Griechenlands und trat unter anderem 2004 im Rahmen der Olympischen Spiele in Athen auf. Amanda Michalopoulou ist eine Stimme der jungen griechischen Literatur. Für die Familiensaga „Der Oktopusgarten“ erhielt sie den wichtigsten Literaturpreis des Landes. Auf Deutsch erschien er im Rotbuch-Verlag. Die dunklen Seiten des Landes bringt Petros Markaris an den Tag. Der Krimischriftsteller wurde in Istanbul geboren, lebt aber seit 1964 in Athen, wo er den Kommissar Kostas Charitos erfand. Der beschäftigt sich bald auch mit der Finanzkrise. „Faule Kredite“ erscheint im kommenden Herbst im Diogenes-Verlag. Wer nicht so lange warten will, dem sei „Quer durch Athen. Eine Reise von Piräus nach Kifisia“ empfohlen, ein Stadtporträt, erschienen im Hanser-Verlag. Bei Suhrkamp erscheinen die Romane der aus Kreta stammenden Ioanna Karystiani. Der berühmteste heißt „Die Frauen von Andros“. Miriam Schröder

Geldanlage

Die Griechen brauchen Geld, viel Geld. Wer jetzt bereit ist, ihnen etwas zu leihen, wird mit fürstlichen Renditen belohnt. Mehr als 16 Prozent werfen zehnjährige Staatsanleihen aus Athen aktuell ab. Der Haken: Das Risiko ist groß, dass die Griechen das Geld nicht zurückzahlen können. Aber so ist es immer: Ohne Risiko keine Rendite. Aus 10 000 Euro würden in zehn Jahren bei gleichbleibender Rendite und nach Abzug der Abgeltungsteuer also gut 34 000 Euro. Strapazierfähige Nerven sind allerdings nötig, denn die Kurse griechischer Staatsanleihen sind – mangels Nachfrage – abgestürzt. So notiert ein 2006 aufgelegter Bond, der 2016 fällig wird, aktuell bei 57 Prozent. Anleger müssen also schon bis zum Ende der Laufzeit dabei bleiben. Vorausgesetzt, Athen zahlt dann auch 100 Prozent zurück. Es darf nicht zu einer Umschuldung kommen, bei der Privatanleger auf einen Teil ihres Einsatzes verzichten müssen. Wem das zu riskant ist, der kann auch auf die Privatwirtschaft setzen. Der Aktienindex Athex Composite, der die größten Unternehmen Griechenlands enthält, ist in der vergangenen Woche um sieben Prozent gestiegen – in Erwartung neuer Hilfszusagen aus Europa. Aber Vorsicht: Seit Februar hat die Athener Börse 23 Prozent verloren. Henrik Mortstiefer

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