Wirtschaft : Pro Sieben-Aktien nicht ohne Risiko

NELE HUSMANN (rtr)

Kirchs Preispolitik ein Unsicherheitsfaktor / Experten sprechen dennoch von einem "Selbstläufer" VON NELE HUSMANN (rtr)

FRANKFURT (MAIN).Experten rechnen beim Börsengang des Privatsenders ProSieben mit einer großen Nachfrage nach der ersten deutschen Fernsehaktie."Für viele Privatanleger stellt sich längst nicht mehr die Frage, ob sie zeichnen sollen, sondern wann sie endlich zeichnen können", sagt der Branchenfachmann der Bankgesellschaft Berlin, Sebastian Stein.Der Bekanntheitsgrad des Senders und die umfangreiche Werbung machten den Börsengang zum Selbstläufer.Stein und andere Fachleute warnen jedoch davor, die Aktien zu jedem Preis zu kaufen.Es gebe im TV-Markt als auch bei dem Unternehmen Risiken. Ab 24.Juni können die ProSieben-Aktien bei Banken bestellt werden.Am 7.Juli soll die Aktie zum ersten Mal an der Börse gehandelt werden.Die BHF-Bank, die ProSieben als Konsortialführerin an die Börse bringt, hat als angemessenen Wert für die ProSieben-Aktie 70 bis 80 DM genannt, empfiehlt aber einen niedrigeren Ausgabepreis.Experten erwarten, daß die Nachfrage der Privatleute die angebotenen 17,5 Mill.Vorzugsaktien bei weitem übersteigt.Das Unternehmen selbst verspricht sich vom Börsengang Einnahmen von gut einer Mrd.DM.Dies entspricht rechnerisch einem Aktienpreis von gut 57 Mark. "Pro Sieben ist dennoch keine zweite Telekom-Emission", warnt die Expertin bei der Bayerischen Vereinsbank, Petra Heist.Die Entwicklung des Fernsehmarkts sei schwer einschätzbar."Es handelt sich um eine typische High-Risk-High-Return-Aktie, bei der die besseren Gewinnaussichten mit höherem Risiko bezahlt werden", erklärt Heist.Änderungen von EU-Gesetzen etwa machten die Zukunft für die Branche umgewiß.Auch die Möglichkeit, daß öffentlich-rechtliche Sender eines Tages nach 20 Uhr werben dürfen, würde die Werbeeinnahmen der Privaten schmälern.Heist hält im internationalen Vergleich einen Preis von 75 DM je ProSieben-Aktie für gerechtfertigt. Für problematisch halten die Experten die Kostenstruktur des Senders."Die Kosten für Filme machen rund 60 Prozent aller Aufwendungen aus", sagt der Berliner-Bank-Experte Stein.Wenn gutes Sendematerial teurer würde, schlage sich das sehr schnell auf die Rentabilität nieder.Größter Lieferant von ProSieben ist der Medienunternehmer Leo Kirch, Vater des Großaktionärs Thomas Kirch."ProSieben hat die Befürchtungen, daß Kirch die Filmpreise nach dem Börsengang erhöht, nicht völlig entkräften können", sagt Stein.Allerdings habe ProSieben genügend Material für die nächsten drei Jahre auf Lager.Die Experten kritisieren auch, daß nur Vorzugsaktien ausgegeben werden, die dem Aktionär auf der Hauptversammlung keinen Einfluß geben.Thomas Kirch, der 60 Prozent der stimmberechtigten Stammaktien hält, kontrolliere den Sender, erklärt Stein.Der Berliner Bank-Experte hält eine Preisspanne von 62 bis 73 DM für vorstellbar.Er empfiehlt privaten Anlegern, das ProSieben-Papier höchstens zu 70 DM zu ordern.Sein Tip: "Die Aktie kritisch betrachten, aber mitmachen."

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