• Produktdesign: "Die Techniker müssen sich in die Form hineinquälen" - Ein Handydesigner über neue Trends

Wirtschaft : Produktdesign: "Die Techniker müssen sich in die Form hineinquälen" - Ein Handydesigner über neue Trends

Herr Skrypalle[in Asien wechseln die Menschen das]

Uli Skrypalle (53) ist Direktor für Produktdesign bei Designafairs, der Kreativschmiede der Siemens AG.

Herr Skrypalle, in Asien wechseln die Menschen das Handy passend zur Kleidung. Wann kommt dieser Trend zu uns?

In Asien sind die Menschen in dem Punkt vielleicht etwa progressiver. Aber Ansätze zu dieser Entwicklung gibt es bei uns bereits, denken Sie nur an die Handy-Schalen mit unterschiedlichem Design zum Auswechseln. Das Mobiltelefon wird zu einem Lifestyle-Produkt. Sein Aussehen ändert sich, je nachdem in welchem Umfeld ich mich gerade bewege. Unter der Woche trägt der Geschäftsmann das passende Business-Handy zum grauen Anzug und wenn er am Wochenende auf Mountainbike-Tour geht, nimmt er sein farbiges Outdoor-Handy mit. Es geht nicht mehr darum, einfach ein Handy zu besitzen, es wird Ausdruck meiner Persönlichkeit.

Was kommt bei der Entwicklung zuerst: das Design oder die Funktion?

Bei Siemens hat es vor einigen Jahren einen entscheidenden Wandel gegeben. Früher haben wir um eine vorhandene Technik herumgestaltet, also quasi Oberflächendesign gemacht. Heute ist es umgekehrt: Wir analysieren den Markt, die Lifestyle-Trends und entwickeln Form und Aussehen der Geräte. Die Techniker müssen sich dann in diese Form hineinquälen. Gerade weil das Mobiltelefon ein Lifestyle-Produkt ist, geht es zuerst um Emotionen. Und dafür sind wir da.

Wie lange dauert die Entwicklung eines neuen Handys?

Wir brauchen etwa zwei Jahre Vorlauf, um ein neues Produkt auf den Markt zu bringen.

Woher wissen Sie, was dann gefragt ist?

Wir arbeiten mit Trendagenturen zusammen, zum Beispiel mit Li Edelkoort in Paris. Das ist die Lifestyle-Päpstin. Sie legt heute die Farben und Materialien fest, die in zwei Jahren in der Modebranche, bei den Accessoires, in der Kosmetik "in" sind. Auch in den anderen Branchen brauchen die Firmen zwei Jahre Vorlauf, um ihre Prozesse auf die neuen Farben und Materialien einzustellen. Außerdem arbeiten wir mit einer weltweit tätigen Trendagentur zusammen, die uns in sozio-kulturellen Belangen berät, also etwa bei den Fragen, wie Menschen künftig kommunizieren werden, welche Werkzeuge sie dafür brauchen, wie sie mit Informationstechnik umgehen werden.

Was kommt also auf uns zu?

Das Handy geht vom Ohr weg vor die Nase. Mit der neuen Übertragungstechnik UMTS können Daten schneller und besser mobil übertragen werden, als mit der aktuellen Technik. Mit UMTS wird man von unterwegs bewegte Bilder versenden können oder sich einen Stadtplan aufs Handy laden. Wir werden viel mehr Informationen vom Handy über das Auge erfassen. Sprache wird einen immer kleineren Teil der mobilen Kommunikation ausmachen.

Was bedeutet das für das Design?

Einige Geräte werden völlig neue Formen haben, vor allem ein größeres Display. Dafür bietet sich auch eher eine horizontale Form an. Einige Mobiltelefone werden aussehen wie kleine Spielkonsolen, andere wie die handgroßen Computer, mit denen Geschäftsleute heute bereits ihre Arbeit organisieren. Für jedes Bedürfnis, für jede Anwendung wird es einen eigenen Typ von Mobiltelefon geben. Das bewegt sich in dem Dreieck von Sprache, Information und Unterhaltung. Nehmen Sie zum Beispiel den Bereich Entertainment: Das Handy mit integriertem MP3-Player ersetzt den Walkman.

Welche Anforderungen stellen die Käufer heute an ein Handy?

Es hat drei Begehrlichkeitswellen gegeben. Am Anfang war es: Ich habe ein Handy und du hast keins. Dann kam: Mein Handy hat eine längere Stand-by-Zeit als deins. Gefolgt von: Mein Handy ist kleiner als deins. Jetzt geht es darum, die richtige Marke zu haben. In Zukunft wird das Material, wird das Haptische und das Sensitive eine größere Rolle spielen. Der Trend geht hin zu authentischen Materialien. Aus der Plastikbüchse von heute wird ein Gehäuse aus edlem Metall oder auch aus echtem Leder. Insgesamt wird die Variationsbreite der Geräte stark zunehmen.

Entwickeln Sie für den deutschen Markt andere Geräte als etwa für Asien oder die USA?

Nein, das Handy ist ganz klar ein globales Produkt. Wir arbeiten für den Weltmarkt. Es geht nur noch um die Marke, die sich auf den verschiedenen Märkten durchsetzen muss.

Was war Ihr größter Flop bei der Entwicklung eines neuen Geräts?

Das war unser Schönstes. Vor etwa drei Jahren haben wir das Siemens SL10 zum Aufschieben auf den Markt gebracht. Es hatte ein wunderschönes klassisches Design, das überall Preise gewonnen hat, zum Beispiel den höchsten Design-Preis auf der Cebit. Kommerziell war es ein Flop. Bei Elektronikprodukten entscheidet der Faktor "time to market" über Erfolg oder Misserfolg: Wir waren nicht schnell genug und die Miniaturisierung war bereits schon weiter vorangeschritten. Zu spät und zu groß, das ist tödlich für ein Handy.

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