Produktion : Deutsche Industrie fürchtet Rohstoffengpass

26.10.2010 21:20 UhrVon Corinna Visser
Strategisch wichtig. China – hier eine Mine in Nancheng – hat einen Anteil von 97,3 Prozent an der Weltproduktion Seltener Erden. Deutschland produziert null. Foto: REUTERS
Strategisch wichtig. China – hier eine Mine in Nancheng – hat einen Anteil von 97,3 Prozent an der Weltproduktion Seltener Erden. Deutschland produziert null. - Foto: REUTERS

Die deutsche Industrie fürchtet, dass ihr bald wichtige Rohstoffe ausgehen – egal, wie viel sie zahlen würde

Berlin - Die Wirtschaft ist gerade wieder in Fahrt gekommen, da droht sie wieder abgebremst zu werden. Experten fürchten, dass deutschen Unternehmen bald wichtige Rohstoffe für ihre Produktion fehlen. „Die Sicherung der Rohstoffbasis ist längst zu einem geopolitischen Problem geworden“, sagte der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Hans-Peter Keitel, zur Eröffnung des BDI-Rohstoffkongresses in Berlin. Wenn nichts gegen den politisch verursachten Mangel bei wichtigen Rohstoffen getan werde, dann sei dies eine Gefahr für Deutschland als Industriestandort.

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle machte auf der Konferenz klar, dass er in der Rohstoffpolitik eine Schlüsselaufgabe sieht.

Der FDP-Politiker merkte aber an: „Auch in Zukunft bleibt es dabei, dass die Wirtschaft für die Rohstoffversorgung grundsätzlich selbst zuständig ist.“ Er forderte die Unternehmen auf, geeignete Projekte zu identifizieren und voranzutreiben. Brüderle hob zudem das Recycling als wichtigste heimische Rohstoffquelle hervor. „Wir müssen ran an das Wertstoffpotenzial im Restmüll“, sagte der Minister. „Wir brauchen mehr Intelligenz in der grauen Tonne!“

Doch Recycling allein wird nicht reichen. „Es ist ein ganz neues Phänomen“, erklärte der Geologe Harald Elsner von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, dem Geozentrum Hannover, am Rande der Konferenz. „Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg erreichen bestimmte Rohstoffe Deutschland nicht – egal wie viel Sie bezahlen.“ Anders als etwa beim Öl: Das bekommt man, es wird nur immer teurer. Zwei Rohstoffgruppen sind für deutsche Firmen besonders kritisch: Seltene Erden und Elektronikmetalle. „Bundesregierung und EU-Kommission müssen im Interesse der Existenzfähigkeit der Unternehmen in Deutschland auf eine schnelle Lösung der von einigen Ländern verfügten Exportbeschränkungen bei Seltenen Erden drängen“, forderte BDI-Präsident Keitel.

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SELTENE ERDEN

Unter dem Begriff werden Lanthan, die Lanthanoide sowie Yttrium und Scandium zusammengefasst. Diese 17 Elemente sind sich chemisch sehr ähnlich und galten früher als schwer voneinander zu unterscheiden. Seltene Erden sind nicht wirklich selten, aber ihre Konzentration ist selten hoch genug, dass sich der Abbau lohnt. In Ostdeutschland gibt es nach Angaben des Geozentrums ein Vorkommen, das jedoch nicht abbaufähig ist. Derzeit hat China einen Anteil von 97,3 Prozent an der weltweiten Produktion. Die USA stoppten den Abbau Seltener Erden in den 90er Jahren. Zum einen wegen des damals billigen Angebots aus China, zum anderen wegen der enormen Umweltprobleme. Derzeit drosselt China den Export Seltener Erden massiv. Das hat die Industrie alarmiert. Die Stoffe werden in der Hochtechnologie eingesetzt: etwa in Autoabgaskatalysatoren und Rußpartikelfiltern oder als Hochleistungsmagnete in Windkrafträdern oder im Automobilbau.

ELEKTRONIKMETALLE

Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung hat 2009 eine Studie zum Rohstoffbedarf für Zukunftstechnologien vorgelegt. Ergebnis: Besonders bei Platin und den Elektronikmetallen Gallium, Indium, Scandium, Germanium, Neodym und Tantal gibt es Grund zur Sorge, dass es im Jahr 2030 zu Versorgungsengpässen und zu Preissteigerungen kommen könnte. So ist etwa nach Angaben des Geozentrums ein wichtiges und wachsendes Anwendungsfeld für Indium die Produktion von Solarmodulen. Germanium wiederum wird bei der Herstellung von Glasfaserlichtleitern eingesetzt, in der Infrarottechnik und als Katalysator für die Herstellung von farblosen Kunststoffen und in der Elektronik verwendet.

„Die deutsche Industrie hat sich in der Vergangenheit zu wenig mit dem Thema beschäftigt und ist jetzt überrascht von der Knappheit“, sagt Elsner vom Geozentrum. Unruhe herrsche vor allem bei kleinen und mittelständischen Firmen, die das Problem selbst nicht lösen könnten.

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