Produktionsverlagerung : Daimler und das hohe C

Daimler erwägt, die Produktion der Mittelklasse in die USA zu verlegen. Das ist der Trend, sagen Experten.

Jahel Mielke
Daimler
Aufgebracht. Daimler-Beschäftigte protestieren vor dem Werk in Sindelfingen. -Foto: dpa

Berlin - Die mögliche Verlagerung der Produktion der Mercedes C–Klasse in die USA weckt die Sorge vor einer Schwächung des Industriestandorts Deutschland. „Ich glaube, wir müssen davon ausgehen, dass der Zenit der Autoproduktion in Westeuropa überschritten ist“, sagte Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. Die Produktion in den USA werde in Zukunft weiter ausgebaut, auch VW baue dort ein großes Werk.

Nach Informationen aus Konzernkreisen gilt eine Verlagerung der Fertigung der Mercedes C-Klasse in die USA ab 2014 als so gut wie ausgemacht. Der Daimler-Vorstand beriet am gestrigen Abend über das Thema; die Entscheidung soll voraussichtlich heute verkündet werden. Daimler erwägt unter anderem wegen des schwachen Dollar die C-Klasse im billigeren Werk in Tuscaloosa (Alabama) zu produzieren. Dort werden zurzeit Geländewagen und die R-Klasse gebaut. Nach Angaben des Betriebsrats wären in Sindelfingen bei einer Verlagerung der Produktion 3000 Arbeitsplätze in Gefahr. Daimler-Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm sagte, das Risiko sei groß, dass die Fertigung aus dem Werk abgezogen werde.

Rund 12 000 Menschen hatten sich nach Angaben des Betriebsrates am Dienstag vor den Toren des Werks in Sindelfingen versammelt und an Zetsche appelliert, die Produktion nicht auszulagern. Unterstützt wurde die Belegschaft von Beschäftigten anderer Unternehmen wie des Sportwagenbauers Porsche und des weltgrößten Autozulieferers Bosch. „Wir werden unsere Arbeitsplätze nicht einfach kampflos ins Nirwana verschwinden lassen“, sagte Klemm.

Nach Ansicht von Experten hat Daimler keine Wahl: Neben günstigeren Arbeitskosten und dem niedrigen Dollar-Kurs lockt das Management auch die Perspektive, die bisher starke Konzentration der Produktion auf Westeuropa aufzubrechen. Der Konzern baut eigenen Angaben zufolge mehr als 80 Prozent aller Autos in Westeuropa, verkauft dort aber weniger als 60 Prozent. Zetsche sehe darin ein „Missverhältnis“ und wolle gegensteuern.

Generell rechnen Experten für die Autoindustrie mit einem weiteren Rückgang der Produktion in Deutschland. „Wir können Russland und China nicht aus Deutschland bedienen, weil die Zölle zu hoch sind. Auch die Wechselkursnachteile gegenüber den USA werden weiter bestehen bleiben“, sagte Dudenhöffer. „Wir produzieren nicht mehr aus Deutschland für die Welt“, befand er.

Die C-Klasse gilt wegen der hohen Stückzahl als wichtigste Baureihe für Daimler. Bisher rollt die Mittelklasse neben Sindelfingen auch in Bremen, Südafrika und China vom Band. Zukünftig könnten zum geplanten Standort in Tuscaloosa die Kapazitäten in China und Bremen aufgestockt werden.

Gernot Nerb, Leiter der Abteilung Branchenforschung beim Münchener Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, sieht in der geplanten Auslagerung eine reine Vorsichtsmaßnahme. „Daimler geht an den Standort, um sich gegen Währungsschwankungen abzusichern“, sagte er dem Tagesspiegel. BMW verfolge die gleiche Strategie. Einen Trend für die gesamte deutsche Industrie will Nerb darin nicht erkennen: „Das meiste an Auslagerung ist in den vergangenen Jahren schon gelaufen, daher wird auf Deutschland nicht mehr allzu viel zukommen“.

Ein Teil der Firmen in der Industrie kehrt auch wieder zurück: Im verarbeitenden Gewerbe in Deutschland ist die Verlagerung der Produktion ins Ausland rückläufig. Das geht aus einer Studie des Fraunhofer-Instituts unter rund 1500 Betrieben hervor. Demnach ist die Quote der Produktionsverlagerer von 15 Prozent (Mitte 2004 bis Mitte 2006) auf neun Prozent (2007 bis Mitte 2009) zurückgegangen. Drei Prozent seien wieder zurückgekehrt. Der wichtigste Grund hierfür seien nach der Studie Probleme mit der Qualität.

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