Wirtschaft : Produktpiraterie: Im Internet boomt die Fälscherei

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Das Internet macht auch die Produktpiraterie zu einer grenzenlosen Boombranche. "Das Netz wird derzeit zum wichtigsten Markt für Fälscher," warnte der Vorstandschef der Vereinigung zur Bekämpfung von Produktpiraterie (VBP) Volker Spitz in München. Dabei würden nicht mehr nur traditionelle Waren wie Textilien und Uhren abgekupfert sondern zunehmend auch sensible Produkte wie Kfz-Ersatzteile und Medikamente. Das Internet verleihe den Fälschern einen Schub, weil damit deren Vertriebswege und Handelskanäle kaum noch aufzuspüren sind.

Während Spitz keinen Fall kennt, in dem gefälschte Arzneien über Apotheken auf den deutschen Markt gekommen sind, weiß der Markenschutzexperte der Bundesdruckerei, Haroun Malik, von einigen Fällen bei denen das durch Internethandel geschehen sei. Davon betroffen waren Antibabypillen, Röntgenkontrastmittel und vor allem Anabolika. Wer Pech hat, kann Pillen mit gesundheitsschädlichen Bestandtteilen schlucken.

Auch über den "Koffertourismus", den Kauf billiger Markenmedikamente durch Touristen im Ausland, kommen gefälschte Arzneien nach Deutschland, weiß der Experte. Bislang seien nachgemachte Medikamente ein Problem der Dritten Welt, sagte Spitz. Weltweit betrage die Rate der Fälschungen sechs Prozent. Das Internet eröffne nun auch in Deutschland einen Vertriebsweg. Ferner können bei Kfz-Ersatzteilen illegale Duplikate in meist minderwertiger Qualität das Leben argloser Schnäppchenjäger gefährden. So seien in Deutschland gefälschte Bremsscheiben namhafter Kfz- Hersteller aus dem Verkehr gezogen worden, "die keine 50 Vollbremsungen aushalten", sagte Spitz. Einen weiteren gesundheitsgefährdenden Produktbereich sieht er beim Kinderspielzeug.

Fälscher können in Deutschland gut leben, weil sie von der Polizei und Staatsanwaltschaft kaum etwas zu befürchten hätten. Mehr als 90 Prozent von 4 000 durch den VBP offengelegten Fälle seien nicht verfolgt worden. Freiheitsstrafen von bis zu zwei Jahren seien die Ausnahme. Nur der deusche Zoll nehme die Verfolgung ernst. Selbst in Ländern wie der Türkei würden die Behörden mittlerweile Produktpiraten schärfer verfolgen, klagt der Verband und fordert politisches Umdenken, auch um hier zu Lande der Produktpiraterie die Aura des Kavaliersdelikts zu nehmen. Zum Schutze von Verbrauchern müsse die Industrie zumindest bei sicherheitsrelevanten Produkten ein Sicherheitssiegel auf ihren Waren anbringen. Technisch sei das machbar und belaste Produkte nur mit Pfennigbeträgen.

Als Hochburgen der Produktpiraterie gelten Länder wie Polen oder die Tschechische Republik. Dort würden in grenznahen Gebieten ganze "Fälschergroßmärkte" existieren, beschreibt Spitz die Lage. Auch über diesen Weg drohe eine weitere Überschwemmung durch illegale Duplikate. Weltweit werden laut VBP pro Jahr Produkte im Wert von 550 Milliarden Mark gefälscht. Das entspreche etwa einem Zehntel des Welthandelsvolumens. In Deutschland würden per anno Imitate mit einem Schwarzmarktwert von 60 Milliarden Mark in Umlauf gebracht. Das vernichte knapp 50 000 legale Arbeitsplätze. Der Wert der vom deutschen Zoll beschlagnahmten Produktfälschungen sei damit binnen zehn Jahren um das Fünfzehntausendfache gestiegen. Mittlerweile sei jeder zwölfte Markenartikel in Deutschland gefälscht.

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