Wirtschaft : Profiteure des Börsencrashs: Der 100-Millionen-Dollar-Club

Mark Maremont / John Hechinger

Sie könnten sich selbst in den Hintern treten, weil Sie nicht schon vor langem aus Technologie-Aktien ausgestiegen sind. Sie sahen zu, wie der Kurs der ach-so-tollen Internet-Firmen weiter abrutschte und ihre schöne Altersversorgung schrumpfte. Gleichzeitig haben Sie den Verdacht, dass irgendjemand schlau genug war, bei der großen Nasdaq-Blase abzusahnen. Sie haben recht. Dürfen wir vorstellen: Der 100-Millionen-Dollar-Club, eine Elitegruppe von mindestens 50 Insidern bei Nasdaq-Firmen. Sie alle verkauften von Oktober 1999 bis Ende 2000 Aktien ihrer eigenen Firmen für 100 Millionen Dollar oder mehr, wie eine Analyse des Wall Street Journals und von First Call/Thomson Financial zeigt.

Oft verkauften diese Insider nahe an den Höchstständen von Aktien, die später 80, 90 oder sogar 98 Prozent unter ihren Spitzenwert gefallen sind. "Es ist eine Schweinerei", sagt Ric Edelman, ein Vermögensberater aus Virginia. Er schreibt Bücher über konservative Geldanlage. "Meist haben diese Firmen-Insider nie eigenes Kapital investiert. Die Führungskräfte bekamen entweder Mitarbeiter-Aktien geschenkt oder erhielten das Recht, sie weit unter dem Marktpreis zu kaufen. Und während ihre Firmen den Bach runter gehen, verschwinden sie mit dem Gewinn, und die anderen sind die Angeschmierten", sagt Edelman.

Unter den Insider-Verkäufern sind wohlbekannte Namen wie Paul Allen und Bill Gates, Mitgründer von Microsoft. Sie verkauften zusammen für etwa zehn Milliarden Dollar Microsoft-Aktien. Oder Michael Dell von Dell Computer, der im betrachteten Zeitraum Aktien im Wert von etwa 1,3 Milliarden Dollar verkaufte.

Dann ist da noch der 36-jährige Eric Greenberg. Er gründete die Internet-Beratungsfirma Scient, San Francisco. Das Unternehmen ging Mitte 1999 zu einem Preis von zehn Dollar pro Aktie an die Börse. Die Aktie stieg bis März 2000 auf 133,75 Dollar. Von Oktober 1999 bis Ende 2000 verkaufte Greenberg Scient-Aktien für insgesamt 225 Millionen Dollar. Heute ist die ganze Firma gerade noch 139 Millionen Dollar wert. Zwischenzeitlich ist die Atkie auf zwei Dollar gefallen. Offensichtlich geben Kunden weniger für Technik aus, und traditionelle Beratungsfirmen machen Scient zunehmend Konkurrenz. Ein Firmensprecher sagte, Greenberg verkaufte die Aktien mit Zustimmung des Verwaltungsrats, um sein Portfoliozu diversifizieren. Er hält noch immer zwölf Prozent der Aktien.

Auch die Insider wussten nicht, dass die Nasdaq so nach unten rasseln würde: 63 Prozent stürzte der Nasdaq-Gesamtindex unter seinen Höchststand vom 10. März 2000. Die meisten von ihnen haben getan, was jeder Mensch mit Hirn getan hätte: einen Teil ihrer Gewinne mitnehmen. Einige Insider haben ihrer Firma auch beim Weg nach unten die Treue gehalten. Sie haben bis zum Ende keine oder nur wenige Aktien verkauft. Bei Edward "Toby" Lenk, Chef des Internet-Geschäfts eToys, löste sich ein Papiervermögen von 600 Millionen Dollar in Luft auf, aber er behielt fast alle Aktien.

Insgesamt erreichten die Insider-Verkäufe mit dem Höchststand des Marktes jedoch Rekordwerte. First Call/Thomson Financial berücksichtigte nur die Verkäufe von Nasdaq-Aktien durch Insider, die als direkte Eigentümer registriert sind, oder durch von ihnen kontrollierte Treuhandgesellschaften, und kam dabei auf über 18 Milliarden Dollar in den ersten drei Monaten 2000. Das war mehr als zweimal so viel wie im letzten Quartal 1999, bis dahin das Rekord-Quartal. Das alles laufe auf einen riesigen Vermögenstransfer hinaus, von gewöhnlichen Investoren hin zu Insidern, sagt William Braman, der leitende Fondsmanager bei John Hancock Funds in Boston. "Die Oma in Dubuque, Iowa, mit dem Technologieaktien-Fonds bezahlt die Villa des Internet-Unternehmers an der Pazifikküste."

Durch die enge Definition stehen auch nur wenige Personen auf der Liste der 100-Millionen-Dollar-Verkäufer. Viele andere, die ähnliche Mammutgewinne abräumten, tauchen dort gar nicht auf, etwa einige Risikokapitalgeber und Insider, die bei Nicht-Nasdaq-Firmen verkauften. Ariba, eine Firma, die Software für den Internet-Handel zwischen Unternehmen herstellt und unter anderem mit VW zusammenarbeitet, bekommt den Preis für die meisten Mitglieder des 100-Millionen-Dollar-Clubs: sechs. Chef Keith Krach, der stellvertretende Generaldirektor Robert DeSantis und vier weitere verkauften Ariba-Aktien für mehr als 800 Millionen Dollar, zu Preisen bis zu 150 Dollar.

Im Fall der kalifornischen Firma Broadcom haben wütende Aktionäre Gerichtsprozesse angestrengt. Sie behaupten, dass die Mitgründer Henry T. Nicholas und Henry Samueli sowie eine weitere Führungskraft Aktien gerade dann verkauften, als eine aggressive, auf Übernahmen ausgerichtete Buchführung das Finanzergebnis aufgebläht hatte. Broadcom gibt den Prozessen keinerlei Erfolgschance. Unternehmenssprecher Bill Blanning sagt, Nicholas und Samueli hätten ihre Aktien nach einem vorher festgelegten Schema verkauft, unabhängig vom Aktienpreis. Außerdem seien beide noch mit 13 Prozent an der Firma beteiligt, und "hätten daher riesige Geldsummen auf dem Tisch zurückgelassen".

Einige Insider führen familiäre Gründe dafür an, dass sie Aktien abstießen. Vivek Ranadive, der Chef des Internetsoftware-Hauses Tibco, verkaufte im Juli 2000 Aktien für 173 Millionen Dollar, um seine Scheidung zu bezahlen, sagte eine Sprecherin der Firma. Marc H. Bell, Chef der Internet-Firma Globix aus New York, verkaufte ein Drittel seiner Anteile für etwa 129 Millionen Dollar. Er sagte, seine Frau wolle, dass er Geld für die Zwillinge auf die Seite lege, die sie erwarteten. Er tätigte die meisten Verkäufe im Februar 2000, weniger als eine Woche entfernt von dem Zeitpunkt, zu dem die Aktie ihren Höchstpreis erreichte.

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