Wirtschaft : Prognose: Zwischenerholung der Märkte ist möglich

tmo

Wer als Anleger Orientierung bei den Bankstrategen sucht, wird derzeit enttäuscht. Denn die Tipps der Experten sind widersprüchlich: "Erhöhen Sie Ihr Aktien-Engagement und kaufen Sie Technologiewerte", rät Europa-Stratege Mark Howdle von Salomon Smith Barney, der Investmenttochter des weltgrößten Finanzkonzerns Citigroup. Genau das Gegenteil empfiehlt sein Konkurrent Douglas Ciggott, Chefstratege der Investmentbank JP Morgan: "Verkaufen Sie High-Tech-Aktien", lautet sein Rat für den Bärenmarkt.

Im Konzert der Finanzexperten überraschte vor mehr als anderthalb Jahren Stephen King mit seiner Meinung, die inzwischen immer mehr Anhänger gewinnt. Der oberste Volkswirt und Anlagestratege des britisch-asiatischen Bankenriesen HSBC schreibt trotz seines Namens keine Horrorromane - aber 1999 präsentierte er erstmals seine düstere Sicht der Weltkonjunktur-Lokomotive USA als aufgeblasene "Bubble"-Wirtschaft. "Unserer Ansicht nach gleicht die Entwicklung in den USA früheren Spekulationsblasen", sagt King im Gespräch mit dem Handelsblatt. Das Platzen solcher Blasen sei oft schmerzhaft und langwierig. Das maximale Risiko eines Kurseinbruchs an den weltweiten Aktienmärkten prognostizierte der HSBC-Experte für das Jahr 2000. Die größte Gefahr einer Rezession sah - und sieht - er in diesem und im nächsten Jahr.

"Es war damals nicht leicht, diese Meinung aufrecht zu erhalten, weil die Börsen bis März 2000 enorm zulegten", erinnert sich King. Nach dem massiven Kursrutsch des vergangenen Jahres dürften Anleger die Flinte nicht vorschnell ins Korn werfen: "Investoren sollten jetzt nicht in Panik geraten", sagt King. In der zweiten Jahreshälfte hält er eine Kursrally - die auch viele seiner optimistischeren Kollegen erwarten - für wahrscheinlich. Wegen der unverändert kritischen Lage der US-Konjunktur dürfte aus der Zwischenerholung jedoch kein neuer Bullenmarkt werden, warnt King. "Wir rechnen mit einem Anziehen der Kurse in der zweiten Jahreshälfte, gefolgt von einer langen Phase mit sehr, sehr mäßigen Erträgen in 2002 und danach", sagt der Chefvolkswirt. "Dass wir die gewohnten Renditen der vergangenen Jahre wieder erreichen, halte ich für extrem unwahrscheinlich", fügt er hinzu. Drei Faktoren sind nach Einschätzung des HSBC-Strategen für die Kursentwicklung entscheidend - die Notenbankzinsen, die Konjunktur und das Bewertungsniveau am Aktienmarkt. "Der erste Faktor entwickelt sich sehr positiv, aber die riesige Unsicherheit über die US-Konjunktur und die nach unseren Modellen immer noch nicht billigen Aktienkurse sind nicht gerade hilfreich", sagt King.

Er hält derzeit Anleihen, vor allem europäische Titel mit kurzer Laufzeit, für attraktiver als Aktien. Denn - wie die meisten Bankexperten - erwartet King, dass die Europäische Zentralbank den Zinssenkungen der US-Notenbank bald folgt. Dies dürften die Anleihekurse unterstützen. Eine Konjunkturerholung in den USA erwartet King erst im nächsten Jahr, später als die meisten anderen Bankexperten. "Unsere Prognose ist aber im historischen Vergleich sogar optimistisch", betont King. Denn Rezessionen, und eine Rezession herrscht seiner Ansicht nach in den USA, brächten im Schnitt sieben Quartale unterdurchschnittlichen Wachstums mit sich. Nach dem Platzen einer Spekulationsblase sei die nachfolgende Krise aber oft schwerer und länger.

Als Beispiel nennt der HSBC-Experte den Absturz japanischer Aktien. Eine so dramatische Entwicklung wie damals erwartet King diesmal zwar nicht, weil er die US-Wirtschaft für viel anpassungsfähiger hält als Japans Ökonomie. Auch hätten Regierung und Unternehmen in Fernost falsch reagiert, was in den USA nicht zu erwarten sei. Der Fall Japans zeigt aber laut King, wie extrem sich die Wahrnehmung von der Leistungsfähigkeit eines Landes ändern kann. "Es klingt heute unglaublich, aber vor zehn Jahren sahen die meisten Leute Japan als ökonomische Supermacht mit einem Potenzial, von dem Amerikaner oder Europäer nur träumen konnten", sagt King.

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