Projektionstechnik : Kino aus dem Computer

Digitale Projektionstechnik wird zum Standard – aber kleine Filmtheater können sie sich kaum leisten.

von und Katharina Dockhorn
Opas Kino. Karlheinz Opitz betreibt die mehr als 90 Jahre alten „Eva-Lichtspiele“ an der Wilmersdorfer Blissestraße. Die neueste Vorführtechnik besitzt er bisher nicht. Foto: Mike Wolff
Opas Kino. Karlheinz Opitz betreibt die mehr als 90 Jahre alten „Eva-Lichtspiele“ an der Wilmersdorfer Blissestraße. Die neueste...

Bei Helga Gammert, die seit 31 Jahren mit dem „Bali“ in Zehlendorf eines der kleinsten Berliner Kinos betreibt, kommt digitale Technik nicht ins Haus: „Auf keinen Fall“ will sie mehrere zehntausend Euro für die Umstellung auf computergesteuerte Projektoren ausgeben, „das lohnt sich nicht“. Ihr vielfach preisgekröntes, künstlerisches und politisches Programm locke genügend Gäste an. Und sollten eines Tages gar keine Filmrollen mit neuen Produktionen mehr in den Verleih kommen, werde sie eben „nur noch Retrospektiven machen“.

Noch unentschlossen zeigt sich Karlheinz Opitz, der vor dreieinhalb Jahren die „Eva-Lichtspiele“ in Wilmersdorf übernahm und vor allem aktuelle Filme aus Hollywood und Deutschland zeigt. Im einzigen Saal des mehr als 90 Jahre alten Hauses an der Blissestraße mit 250 Sitzen kommen die Filme durch zwei Projektoren aus den 80er Jahren auf die Leinwand. Auf 50 000 bis 70 000 Euro schätzt Opitz die Digitalisierungskosten. Vorerst ist ihm das zu teuer. Lange habe zudem „niemand nach dem digitalem Kino gefragt“. Erst seit dem Boom der 3-D-Filme gebe es Gäste, denen seine Technik nicht mehr genüge. „Die gehen in den Steglitzer Titania-Palast.“ Die Eintrittspreise für 3D-Filme seien jedoch höher, gibt Opitz zu bedenken. Sein Publikum beschwere sich mitunter schon über die sieben Euro, die Erwachsene bei ihm zahlen.

Gemischte Gefühle haben auch die Betreiber vieler Arthouse-Kinos, die mit abwechslungsreichem Programm die Berliner Kinokultur prägen. Wegen des hohen Aufwands für die Umrüstung auf digitale Projektion könnten bis zu 50 Prozent der mehr als 280 Leinwände in der Stadt nicht überleben, fürchten Branchenkenner. Ein weiteres Kinosterben gehe an die Substanz der kulturellen Grundversorgung, sagt Kulturstaatssekretärin Barbara Kisseler. Aus Sicht der Verleiher könnte die traditionelle 35-Millimeter-Kopie in fünf Jahren passé sein.

Die Digitaltechnik nützt vor allem den Verleihern, die Millionensummen für Filmkopien und Transport sparen. Bezahlen sollen dafür aber auch die Kinos. „Ich bin nicht gegen das D-Cinema, doch die Kinobesitzer werden zu einer Investition gezwungen, die ihnen keinen zusätzlichen Zuschauer bringt,“ sagt Gerhard Groß, Geschäftsführer der Hackeschen Höfe und des Kant-Kinos mit je fünf Sälen. Der kleinste fasst nur 22, der größte 349 Zuschauer. Rentabel sind sie alle – doch mit seiner kargen Gewinnmarge kann Groß die Investitionen nicht erwirtschaften.

Für jede Leinwand wird mit Kosten in Höhe von 72 000 Euro gerechnet. In Arthouse-Kinos wollen Bund, Länder, Verleiher und die Filmförderungsanstalt davon 80 Prozent subventionieren. Hinzu kommen aber mindestens 10 000 Euro für eine Klimaanlage und Umbauten. Manuela Miethe rechnet für ihr 90 Jahre altes Zwei-Saal-Kino „Toni“ in Weißensee mit 60 000 Euro. Arthouse- und Kiezkinos liegen im Gegensatz zu Multiplexen meist in Altbauten; der Umbau kostet oft mehr als von den Politikern kalkuliert. Denkmalschutzauflagen treiben zum Beispiel für die Hackeschen Höfe die Summe hoch: Knapp 900 000 Euro kommen auf Gerhard Groß zu, davon muss er 250 000 Euro tragen. „Ich bin froh, wenn die kleinen Säle keinen Verlust machen und ich in den größeren zehn Prozent Gewinn erziele“, sagt er, „wie soll ich da diese Summe investieren?“

Der Verband AG Kino kritisiert die kostentreibenden Sicherheitsstandards. „Das teure Equipment brauche ich, um eine technische Norm zu erfüllen, die die Hollywood-Studios gesetzt haben, um ihre Filme vor Raubkopierern zu schützen und den Weltmarkt noch besser mit ihren Filmen überschwemmen zu können“, sagt Christian Bräuer, Vorstand der AG Kino und Co-Geschäftsführer der Yorck-Gruppe, die 28 Säle in 14 Kinos bespielt – darunter kleine Arthouse-Kinos wie das „Broadway“ und Kiezkinos wie das „Capitol“ Dahlem, das „Rollberg“ in Neukölln oder das „Filmtheater am Friedrichshain“. Für große Häuser wie das zur Yorck-Gruppe zählende „International“ oder das „Delphi“ seien besonders teure Projektoren notwendig.

Staatssekretärin Kisseler fürchtet, dass Kinos ohne die neue Technik künftig keine attraktiven Filme mehr bekommen. Das sei ein zwiespältiges Argument, findet Claus Löser vom „Kino in der Brotfabrik“ mit knapp 60 Plätzen. Nur zwölf Meter liegen zwischen Vorführraum und Leinwand. Löser spielt Blu-Ray-Discs und DVDs mit einem HD-Beamer ab. „Das reicht für uns. Alles andere würde bedeuten, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen“, sagt er. Filmkunstkenner schätzen das Haus, aber es fällt aus dem Fördermodell heraus, weil es keine 40 000 Euro Jahresumsatz macht. Rund 400 Kinos trifft dieses Ausschlusskriterium bundesweit. In Berlin seien es besonders viele, sagt Christian Berg vom Medienboard Berlin-Brandenburg. Der Senat verspricht eine großzügige Auslegung der Grenze. Löser bleibt jedoch skeptisch: „Wir können den Eigenanteil nicht erwirtschaften oder einen Kredit aufnehmen.“

Ein Branchensolidaritätsmodell mit finanziell günstigeren Konditionen scheiterte an den Multiplexketten: Sie klagten gegen das Filmförderungsgesetz und modernisierten ihre Säle auf eigene Kosten, um rasch vom 3-D-Boom zu profitieren.

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