Wirtschaft : Prokon ist ein Fall des grauen Kapitalmarkts Ruf nach Regulierung Bafin nicht zuständig

M. Brächer[T. Hoppe (HB)]

Frankfurt am Main/Berlin - Das Schreiben lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Bis zum 20. Januar will der Windparkbetreiber Prokon wissen, ob die Investoren an ihren Genussrechten festhalten, sie gar aufstocken oder eine bereits erfolgte Kündigung widerrufen. Und dann gibt es noch eine vierte Option zum Ankreuzen: „Ich werde meine Genussrechte zeitnah kündigen.“ Und weiter, fett gedruckt: „Eine Insolvenz von Prokon nehme ich bewusst in Kauf.“ Das Unternehmen, das Windparks betreibt, Biokraftstoffe produziert und auch einer der größten Holzpalettenhersteller Europas ist, steckt, wie berichtet, in ernsten Schwierigkeiten. Mehr als 74 000 Investoren hat Firmengründer Carsten Rodbertus seit 1995 mit Renditeversprechen von bis zu acht Prozent angelockt. Fast 1,4 Milliarden Euro haben sie in Prokon-Genussscheine investiert.

Genussscheine sind ein Instrument des weitgehend unregulierten grauen Kapitalmarkts. Im Falle einer Insolvenz des Unternehmens droht Anlegern der Totalverlust. Sollte es so weit kommen, dann könnte es noch schlimmer werden als in anderen Graumarktaffären der jüngeren Vergangenheit. Etwa derjenigen der Frankfurter Immobiliengruppe S & K, die Anlegern über ein Firmengeflecht sogenannte geschlossene Fonds verkauft hatte. Das Geld soll dort vor allem das Luxusleben der Firmenchefs finanziert haben, laut Staatsanwaltschaft drohen Anlegern rund 200 Millionen Euro Verlust.

Auch das Hamburger Fondshaus Wölbern vertrieb geschlossene Fonds. Firmenchef Heinrich Maria Schulte soll rund 137 Millionen Euro daraus abgezweigt haben. Noch höher könnte der Schaden beim Dresdener Finanzdienstleister Infinus ausfallen, der Genussscheine und Schuldverschreibungen unters Volk brachte. Laut Ermittlern stehen bis zu 400 Millionen Euro im Feuer.

Von der Bundesanstalt für Finanzaufsicht (Bafin) können die Geschädigten im aktuellen Prokon-Fall keine Hilfe erwarten. „Prokon betreibt kein erlaubnispflichtigen Bankgeschäfte und untersteht damit nicht der Aufsicht der Bafin“, sagte eine Sprecherin. Umso lauter werden jetzt die Stimmen aus der Politik, den Aufsehern mehr Kompetenzen zu geben und den grauen Markt endlich zu regulieren. „Der Fall Prokon zeigt, dass die Finanzaufsicht einen Auftrag für mehr Verbraucherschutz braucht“, twitterte Gerd Billen, einst oberster Verbraucherschützer und inzwischen Staatssekretär im Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz.

Auch der Anlegerschützer Klaus Nieding findet deutliche Worte. „Der eigentliche Skandal ist, dass die Politik den grauen Markt noch immer nicht gebändigt hat.“ Dass die 74 000 Prokon-Anleger sich nun um ihr Erspartes sorgen, sei „die Quittung dafür, dass der Gesetzgeber so lange weggesehen hat“. Der Staat dürfe „der Abzocke von Anlegern nicht tatenlos zusehen“, mahnt Unions-Fraktionsvize Michael Fuchs. Allerdings gilt auch: Solange die Notenbanken die Politik des billigen Geldes fortsetzen und solide deutsche Staatsanleihen nur Mini-Zinsen abwerfen, sind für viele Anleger Renditeversprechen von bis zu acht Prozent eben doch sehr verlockend.

M. Brächer, T. Hoppe (HB)

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