Prora auf Rügen : Goldgräberstimmung an der Ostsee

In Prora auf Rügen wollte Adolf Hitler eine Ferienanlage für 20.000 Urlauber bauen. Heute stehen hier Luxusappartments – vom Steuerzahler mitfinanziert.

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Auf 4,5 Kilometern Länge sollte in Prora im Dritten Reich eine Anlage entstehen. Doch das Projekt wurde nie vollendet.
Auf 4,5 Kilometern Länge sollte in Prora im Dritten Reich eine Anlage entstehen. Doch das Projekt wurde nie vollendet.Foto: picture alliance / Jens Büttner/

Zaudern ist hier fehl am Platz. „Reservieren geht nicht mehr“, sagt Anna Donets, die in ihrem kleinen Salesroom auf Kundschaft wartet, „Sie müssen sich jetzt gleich entscheiden“. Dann springt sie auf. Denn ihre nächste Verabredung ist da: Ein älteres Ehepaar in wasserfesten Outdoorjacken und Turnschuhen, das einen Besichtigungstermin für seine neue Ferienwohnung vereinbart hat und sich von Anna Donets zeigen lässt, wie man eine Nazi-Ferienkaserne in Strandresidenzen umwandelt.

Neben dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände ist Prora die größte architektonische NS-Hinterlassenschaft. Seit 1992 steht die Anlage unter Denkmalschutz. Lange Zeit passierte nichts. Die Gebäude, ohne Fenster und Türen dem feuchten Ostseeklima ausgesetzt, verfielen. Künstler mieteten sich ein, eine Disco, mehrere Museen. Der Bund – überfordert mit der Nachnutzung – entschloss sich zum Verkauf. Für gerade einmal 455.000 Euro übernahm Ulrich Busch, Sohn des Schauspielers und Arbeiterliedersängers Ernst Busch, die Blöcke eins und zwei. Er bekam die Baugenehmigungen – und verkaufte die Immobilien weiter an Investoren wie die Berliner Irisgerd Immobilien GmbH. 2,75 Millionen Euro bezahlte Irisgerd allein für Block eins. Für die 455.000 Euro, die Busch einst dem Bund zukommen ließ, kann man sich heute gerade einmal eine Eigentumswohnung auf dem Gelände leisten.

Eigentumswohnungen für kapitalkräftige Anleger

Inzwischen teilen sich mehrere Investoren den Kuchen. Neben Irisgerd bieten „Prora Solitaire“ und „Binzprora“ kapitalkräftigen Anlegern Eigentumswohnungen. Mehrere hundert Appartments sind bereits entstanden, weitere sind in der Planung, die Nachfrage ist riesig. Menschenmengen schieben sich durch die Straße, die an der Rückseite der Gebäude entlangführt. Mehrere Pavillons mit Verkaufspersonal warten auf kauffreudige Urlauber. Interessenten bekommen neben Hochglanzbildern ungefragt Renditeberechnungen überreicht, mit denen die Verkäufer die hohen Quadratmeterpreise von 3000 bis 7000 Euro versüßen.

Appartments mit Pool und Strandzugang. In diesem Sommer waren die neuen Ferienwohnungen in Prora gut gebucht.
Appartments mit Pool und Strandzugang. In diesem Sommer waren die neuen Ferienwohnungen in Prora gut gebucht.Foto: Stefan Sauer/dpa

Da die Anlage unter Denkmalschutz steht, können Käufer bis zu 70 Prozent des Kaufpreises von der Steuer abschreiben, wirbt etwa Anna Donets. Neben dem Steuersparmodell profitieren Käufer zudem von den Mieteinnahmen, die ihnen die Touristen bescheren. Gekoppelt mit den niedrigen Kreditzinsen stellen die Investoren zehn bis 15 Prozent Rendite auf das Eigenkapital in Aussicht.

Das sorgt für Goldgräberstimmung am Ostseestrand. Gutverdiener, die verzweifelt auf der Suche nach rentierlichen Kapitalanlagen sind, hoffen, dass sie ihr Geld in Prora vor EZB-Chef Mario Draghi in Sicherheit bringen können. Zusätzlich bekommen sie auch noch ein Objekt in der ersten Strandreihe. Doch die Anleger sind im Stress, die Objekte werden knapp. Bei Irisgerd etwa hat der Verkäufer nur noch einige Penthousewohnungen für 630.000 bis 80. 000 Euro im Angebot, je nach Größe. Bei der Metropole Marketing, die den Verkauf für „Prora Solitaire“ abwickelt, kann auch Manfred Hartwig nur noch eine „Handvoll“ Wohnungen anbieten. Die Käufer, sagt er, kommen vor allem aus Deutschland, aus dem Ausland hat sich ein Mitglied der Königsfamilie von Dubai eingekauft.

"Der Denkmalschutz war sehr großzügig"

Warum aber sollen deutsche Steuerzahler eigentlich Gutverdienern den Erwerb von Luxusappartments an der Ostsee finanzieren? Muss man über die Denkmal-Abschreibungen noch mal nachdenken? Lisa Paus, Steuerexpertin der Grünen-Bundestagsfraktion, meint nein. Eine steuerliche Abschreibung sei ja nur möglich, wenn die Denkmalschutzbehörde grünes Licht gibt. „Zudem ist eine denkmalorientierte Sanierung teurer“, sagt Paus. In Prora sehen das viele anders. Nicht nur die Hotelbesitzer in Binz, die auf einen Schlag massenhafte Konkurrenz bekommen haben. Auch Thomas Wolff, der in seinem „NVA-Museum“ allerlei Skurriles rund um Prora zusammengetragen hat, versteht nicht, wie die Denkmalschutzbehörde den Umbau genehmigen konnte.

In seinem Museum kann man sich eines der 2,5 mal fünf Meter großen Zimmer ansehen, die im „KdF“-Heim geplant waren. Schlicht möbliert, Waschbecken im Zimmer, Toilette auf dem Flur – mit den neuen Designwohnungen hat das nichts zu tun. „Balkone zur Seeseite und Fahrstühle hätte es bei KdF nie gegeben“, sagt Wolff, „der Denkmalschutz war sehr großzügig“. Auch die weißen Außenfassaden haben keine Ähnlichkeit mehr mit den schroffen Riegelbauten von einst. Wolff residiert mit seinem Museum in einem noch unrenovierten Bauteil, doch die Bauzäune stehen schon vor seinem Haus. Er muss „Binzprora“ weichen, Ende nächsten Jahres zieht er aus. Kerstin Kassner von der Linken hofft nun auf Block 5, den einzigen Teil, der noch nicht in privater Hand ist. Als Landrätin in Rügen hatte sie diesen Block gekauft und wollte ihn als „Zeitfenster“ erhalten. Neben der Jugendherberge, die hier untergebracht ist, will Kassner eine Gedenkstätte und Sozialwohnungen einrichten, damit auch die Menschen, die aus Rügen kommen, profitieren. Früher seien diese nämlich gern an den Sandstrand von Prora gegangen, erinnert sich die Politikerin, die jetzt im Bundestag sitzt, doch inzwischen sperrt ein Zaun den Strand von der Privatanlage ab.

Die Linke hat Sorge um Prora. „Im Sommer treten sich die Leute auf die Füße, im Winter sind die Rollläden dicht, weil keiner der Zugezogenen da ist“, fürchtet sie. Kassner versteht bis heute nicht, was da passiert ist. „Ich bin entsetzt“, sagt sie. „Als wir Block 5 gekauft hatten, durften wir weder Balkone bauen, noch waren wir frei darin, die Fenster auszusuchen“. Heute gibt es sogar Penthäuser in Prora. Und auch für Block 5 ist eine Ausschreibung in Vorbereitung.

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