Wirtschaft : Protest gegen die Selbstbedienung der Chefs

Europas Vorstände verdienen weniger als ihre US-Kollegen – Gewerkschaften und Aktionäre verlangen trotzdem mehr Transparenz

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Von Birgit Gugath und

Neal E. Boudette, Berlin

Europäische Manager verdienen viel weniger als ihre amerikanischen Kollegen. Trotzdem werden sie immer mehr kritisiert – nicht wegen der Höhe ihres Gehaltes, sondern weil sie es geheim halten. Anders als US-Aktiengesellschaften müssen Unternehmen in Europa die Bezahlung ihrer Topmanager nicht veröffentlichen. Von den 30 Dax-Unternehmen tun es nur drei.

Doch nun wird nach mehr Transparenz gerufen. Auslöser war das Bekanntwerden relativ hoher Bezüge und Abfindungen einiger Vorstände. So will die Deutsche Telekom AG ihrem früheren Vorstandschef Ron Sommer zehn Millionen Euro Abfindung zahlen, heißt es. Sommer wurde im Juli gefeuert, nachdem er durch seinen ehrgeizigen Expansionskurs einen Schuldenberg angehäuft und die T-Aktie 90 Prozent verloren hatte.

Auch in Großbritannien und Frankreich macht sich Empörung über die Gehälter von Unternehmenschefs breit – auch hier nach Enthüllungen. Die Engländer ärgern sich, dass der Chef des britischen Mobilfunknetzbetreibers Vodafone, Chris Gent, für seinen Job saftig kassiert. Und Franzosen waren erbost, dass der kürzlich entlassene Vorstandsvorsitzende des französischen Medienkonzerns Vivendi Universal, Jean-Marie Messier, eine großzügige Abfindung bekommt.

In Deutschland ist der Lohn der Bosse sogar zum Wahlkampfthema geworden. Hohe Gehälter und Abfindungen würden als Verletzung des sozialen Gleichgewichtes empfunden, sagte der Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber. Seit Wochen schimpft Stoiber über die vermeintlich übertriebene Bezahlung von Managern. Und das kommt bei Arbeitern und Aktionären gut an. Auch Gewerkschaften mischen sich ein. „Müssen wir ihnen Geld hinterher schmeißen?“, fragt IG Metall-Sprecher Claus Eilrich. Selbst einige Manager drängen auf Änderungen.

Unter dem Vorsitz von Gerhard Cromme, dem früheren Vorstandschef des Stahlkonzerns Thyssen-Krupp AG, hat eine Kommission für deutsche Unternehmen einen freiwilligen Corporate-Governance-Kodex entwickelt. Darin empfiehlt sie die Offenlegung der Vorstandsbezüge. Thyssen-Krupp ist neben der Deutschen Bank und Schering das Dax-Unternehmen, das dieses Jahr erstmals die Vorstandsgehälter publik machen will.

Andere Unternehmen geraten unter Druck. „Detaillierte Angaben würden unseren Vorständen nicht schaden“, sagte Helmut Lense, Betriebsratsvorsitzender und Aufsichtsratsmitglied bei Daimler-Chrysler. In seinem Jahresbericht schreibt der Autohersteller zwar, dass er seinen obersten 13 Spitzenmanagern insgesamt 22 Millionen Euro zahlt. Nähere Angaben unterließ das Unternehmen aber. Doch die „interne Diskussion ist noch nicht beendet“, sagte der Unternehmenssprecher Thomas Fröhlich. Andere Unternehmen lehnen mehr Transparenz strikt ab. „Wir sehen keinen Nutzen darin“, sagt BASF-Sprecherin Jennifer Moore-Braun.

Die Vorstandsvergütung ist in Europa ein sensibles Thema. In Amerika verdienen Manager häufig das Zwei- bis Zehnfache ihrer europäischen Kollegen. Doch europäische Aktionäre und Aufsichtsratsmitglieder haben gezeigt, dass sie nicht willens sind, diesem Vorbild zu folgen.

Übersetzt und gekürzt von Tina Specht (Rasterfahndung), Svenja Weidenfeld (Türkei), Matthias Petermann (Kuba), Christian Frobenius (Betrug) und Karen Wientgen (Vorstandsgehälter).

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