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Proteste bei Siemens : Auf die Straße gegen Joe Kaeser

Am Dienstag gibt es bundesweit Aktionen gegen die Kürzungspläne von Siemens. 800 Stellen sollen im Berliner Gasturbinenwerk wegfallen, weitere 600 laut IG Metall im Schaltwerk.

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Weltklasse aus Moabit. Von den Gasturbinen aus dem Werk an der Huttenstraße gehen mehr als 90 Prozent in den Export. Schlagzeilen machte vergangene Woche ein Auftrag aus Ägypten über die Lieferung von 24 Turbinen.
Weltklasse aus Moabit. Von den Gasturbinen aus dem Werk an der Huttenstraße gehen mehr als 90 Prozent in den Export. Schlagzeilen...Foto: Dietmar Gust/dpa

Rund zwei Jahre nach Dienstbeginn mobilisiert Joe Kaeser die Massen. In einigen Städten, darunter Mülheim an der Ruhr und Berlin, wo Gas- und Dampfturbinen gebaut werden, gehen heute tausende Beschäftigte auf die Straßen, um gegen den von Kaeser geplanten Arbeitsplatzabbau zu protestieren. Betroffen ist vor allem die Siemenssparte Stromerzeugung (Power and Gas), wozu das Berliner Gasturbinenwerk mit aktuell knapp 3800 Mitarbeitern gehört; davon sollen rund 800 ihre Stelle verlieren. Vor dem Siemens-Verwaltungsgebäude in der Nonnendammallee gibt es am Dienstagmorgen eine Kundgebung, anschließend treffen sich die Beschäftigten des Gasturbinenwerks auf einer Betriebsversammlung.

Neben dem Turbinenwerk könnte auch das Berliner Schaltwerk des Konzerns vom Stellenabbau getroffen sein. Am Dienstag teilte die IG Metall mit, dass dort 600 von 3200 Arbeitsplätzen auf dem „Prüfstand“ seien. „Reden wir nicht herum. Das ist die Tarnsprache des Herrn Joe Kaeser“, sagte Klaus Abel, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Berlin, dazu. „Auf dem Prüfstand, das heißt bei denen: Der Abbau ist intern bereits geplant.“ Insgesamt seien damit 1400 Siemens-Arbeitsplätze in Berlin gefährdet.

Insgesamt beschäftigt Siemens in Berlin 11 500 Mitarbeiter. „Damit sind wir der größte industrielle Arbeitgeber“, sagte Willi Meixner, Chef der Sparte Power and Gas, dem Tagesspiegel. „Jedes Jahr investieren wir 300 Millionen Euro in den Standort, die Hälfte davon in Forschung und Entwicklung.“

In Europa werden keine Turbinen mehr verkauft

Die Stellenstreichungen erklärte Meixner mit den „massiven Strukturveränderung auf dem Markt“. In Europa würden, vor allem wegen der deutschen Energiewende, kaum noch Gasturbinen verkauft. Doch weltweit sei das Marktvolumen geschrumpft „und infolgedessen gab es einen Preisverfall um bis zu ein Drittel.“ Würden die Maßnahmen nun wie geplant umgesetzt, „können wir rund ein Fünftel der Kosten sparen“, sagte Meixner. Nach dem Willen der Konzernstrategen soll in Berlin unter anderem die Fertigung der Turbinenschaufeln eingestellt und ins Budapester Siemens-Werk verlagert werden. Nach Angaben der IG Metall hat das Gasturbinenwerk derzeit eine Fertigungstiefe von 35 Prozent, künftig könnte dieser Wert auf 20 Prozent sinken, weshalb Gewerkschaft und Betriebsrat in Sorge sind um die Zukunft des Standorts überhaupt. Die sind unangebracht, meint Meixner: „Berlin bleibt Leitwerk für Gasturbinen“, sagt der Chef der Sparte und führt als Beleg Investitionen in das neue Brenner-Testzentrum an. „Wir tun alles, um das Kompetenzzentrum Huttenstraße weiterzuentwickeln.“

Überhaupt seien zusätzlich Investitionen von 100 Millionen Euro im Jahr im Bereich Power and Gas vorgesehen. Jedes Jahr werden weltweit 150 bis 200 große Gasturbinen verkauft, 20 bis 25 Prozent davon stammen nach Meixners Angaben von Siemens, Marktführer ist der US- Konzern General Electric. „Unser Ziel ist ein Marktanteil von 30 Prozent.“ Doch dazu müssten die Kosten runter.

Jetzt beginnen die Verhandlungen mit den Betriebsräten

Die IG Metall wiederum wirft den Konzernstrategen vor, nur die Rendite im Blick zu haben. „Siemens reagiert auf den steigenden Druck der Analysten und der Börsen mit der alten Rasenmähermethode“, schimpft der Gewerkschaftschef von Berlin, Brandenburg und Sachsen, Olivier Höbel. In Sachsen ist vor allem Görlitz betroffen, in dem Werk für industrielle Dampfturbinen könnten 210 Arbeitsplätze wegfallen. Der Vorstand verbreite mit seinen Vorschlägen „flächendeckend Angst, die jeden Fortschritt lähmt“, meint der Metaller. Tatsächlich gibt es ein Spar- und Kürzungsprogramm nach dem anderen: 2014 wurden 7500 Arbeitsplätze gestrichen, im Februar folgten weitere 7400 und vor Kurzem kamen noch einmal 4500 Stellen dazu.

Spartenchef Meixner deutet immerhin Kompromissbereitschaft an. „Demnächst beginnen wir die Beratungen mit der Arbeitnehmerseite, und ich bin zuversichtlich, dass wir vernünftige Lösungen finden“, sagte der Manager. Das wäre auch gut für Kaeser, der vor rund zwei Jahren Peter Löscher an der Konzernspitze abgelöst hatte und inzwischen zunehmend misstrauisch von den eigenen Leuten beobachtet wird. Mit Löscher habe man besser zusammengearbeitet, heißt es bei der IG Metall.

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