Proteste : Es riecht nach Kautschuk und Revolte bei Continental

Continental schließt sein Reifenwerk im französischen Clairoix – und die Arbeiter wollen es nicht einfach hinnehmen. Seit der deutsche Reifenhersteller die Schließung bekannt gegeben hat, brennen die Reifen.

Gero von Randow
Clairoix
Brennender Protest: Die Arbeiter von Continental wollen sich die Schließung des Werks nicht bieten lassen. -Foto: AFP

Kaum etwas verbrennt so eindrucksvoll wie Autoreifen. Die purpurroten Flammen verwandeln Kautschuk, Verbundwerkstoffe und viel Chemie in undurchdringlich schwarzen Qualm. Die deutsche Firma Continental stellt solche Reifen am Standort Clairoix her; das ist ein Flecken nahe der Kleinstadt Compiègne, nördlich von Paris gelegen. Dort arbeiten 1150 Menschen. Aber nur noch bis April kommenden Jahres. Dann macht die deutsche Konzernspitze die Fabrik dicht. Das Management in Hannover teilte seinen Entschluss am 11. März mit. Seither brennen Reifen in Clairoix und Compiègne.

Es wird gestreikt, protestiert, demonstriert. Gegen den "deutschen Verrat", wie auf einem der selbst gemalten Plakate zu lesen war. "Quatsch", kommentiert Samir Chaleb, Conti-Arbeiter seit zwölf Jahren. "Unser Problem sind nicht die Deutschen oder die Juden, sondern die Kapitalisten." Wie kommt er jetzt auf die Juden? "Nur so", sagt Samir.

Der 35-jährige Reifenmechaniker ist mit seiner Frau und den drei Kindern 2006 in ein kleines Dorf in der Nachbarschaft von Clairoix gezogen, "um die Ghetto-Hochhäuser zu verlassen, in die ich hineingeboren wurde". Ein Kredit mit 20-jähriger Laufzeit machte den Hauskauf möglich. "Wir sind die einzigen Maghrebiner im Dorf", sagt Samir stolz und weist darauf hin, dass sein tunesischer Großvater für Frankreich gekämpft, sein Vater im Staatssektor geschuftet habe: "Ich bin einer von hier. Aus der Picardie. Aber wenn Conti dicht macht, habe ich es schwerer als die anderen, einen Job zu finden. Wo sind da Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit?"

"Continental asozial"

Samir steht am Werkseingang, zusammen mit Kollegen. Offiziell haben sie die Arbeit wieder aufgenommen. "Tja, wir hauen grade ziemlich rein, wie man sieht", grinst sein Kollege Cyril und sieht dem Boulespiel auf dem Werksparkplatz zu. Bummelstreik. Auf dem Grill brutzeln Würstchen, gestiftet vom nahe gelegenen Supermarkt. Wenige Meter entfernt kokeln Reifenreste giftig vor sich hin. Die Protestler haben die Kulisse umdekoriert; aus dem Firmenschriftzug ist "Continental asozial" geworden, und selbst das Design der Fabrikhallen drückt in diesem Kontext etwas aus, das eigentlich nicht so gemeint war: Zyklopische Reifenspuren fahren über weiße Wände, als sei ein außerirdischer Truck über Conti Clairoix hinweggebrettert.

Und dann wäre da noch die überlebensgroße Puppe, die vor wenigen Tagen symbolisch gelyncht wurde. Aufgebahrt liegt sie auf einer Reifenpalette und stellt Louis Forzy dar, den Fabrikdirektor. Dem wirklichen Herrn Forzy haben brüllende Conti-Arbeiter kürzlich Eier und ein Gewerkschaftsfähnchen an den Kopf geworfen. "Das war physisch hart für mich", sagt der massige Mann, und sein Hals läuft rot an, "und auch moralisch." Im Fernsehen musste er mitansehen, wie man seine Szene mit den Aufnahmen gegengeschnitten hatte, auf denen George W. Bush mit einem Schuh beworfen wurde. "So etwas tut weh." Ungewohnt auch, von Reportern fotografiert, befragt und attackiert zu werden. "Mein Beruf ist das nicht. Mein Beruf ist aufbauen, produzieren, leiten. Aber jetzt bin ich eben in der Verantwortung." Und mittendrin in der Politik gelandet, oder? "Eine zusätzliche Misslichkeit" sagt Louis Forzy fein.

Weniger Potenzial als andere Werke: Deshalb wird Clairoix geschlossen

Er stammt aus Compiègne, ist wie Samir Chaleb ein "Picard" und seit 20 Jahren im Betrieb, den er nun selbst schließen soll. "Wenn einer mit 40 Jahren zu mir kommt, wenig Ausbildung vorweisen kann und mich fragt, was nun aus ihm werden soll…." – er führt den Satz nicht zu Ende. Louis Forzy weiß so gut wie jeder andere, dass in der ganzen Picardie entlassen wird. Dass die neuen Hightech- und Servicefirmen, die sich westlich von Compiègne, am Südufer des Flüsschens Oise, niedergelassen haben, ganz andere Leute brauchen. Auf der Nordseite der Oise gibt es fast nur Autozulieferer, also Krise. Daran wird auch der "Reindustrialisierungskommissar" für die Picardie nichts ändern, eine frisch erfundene Funktion, eingerichtet vom Präsidenten Sarkozy.

Clairoix bedeutet keine Zukunft zu haben oder eben auch nichts mehr zu verlieren. "Die Jungs hier sind zu allem fähig", sagt einer der Conti-Leute, die den Eingang zum Werk blockieren, damit keine Maschine die Hallen verlässt. Vielleicht wäre die Wut nicht so stark, wenn das Aus für den Standort das Ende einer langen Talfahrt wäre. Aber noch 2007 schloss die Werksleitung mit der im Betrieb mehrheitlich vertretenen christlichen Gewerkschaft CFTC einen bis 2012 laufenden Vertrag ab, in dem sie Neueinstellungen, Investitionen und finanzielle Zugeständnisse versprach. Die Gegenleistung der Belegschaft war der Verzicht auf die 35-Stunden-Woche, ohne Lohnausgleich. Das galt – bis zum 11. März 2009. Als der schmale, freundliche CFTC-Mann Antonio da Costa vor zwei Jahren den Vertrag unterschrieb, warf ihm Xavier Mathieu, sein radikaler Gegenspieler von der Gewerkschaft CGT, Verrat vor. Das ist so dessen Art; Mathieu macht keine Umwege. Ein kantiger Typ mit Witz und Fäusten, der die kurzen, brutalen Sätze liebt. Für Conti-Manager zeigt er nur Verachtung.

Der Reifensparte des Konzerns ging es bis zum Herbst 2008 prima, woran auch Clairoix seinen Anteil hatte. Dann brach die Krise über alle herein. Das Continental-Management musste handeln. Der Rückgang des Reifengeschäfts dürfte noch längere Zeit anhalten, war seine Diagnose. Also sollen Kapazitäten abgebaut werden, Kurzarbeit werde nicht genügen. Aber großflächiger Abbau? Nein, lieber gezielt dicht machen. Nur dort bleiben, wo Potenzial für bessere Zeiten ist: wo die Kosten pro Reifen am geringsten sind, die Kunden der Zukunft wohnen und sich die Werksflächen nach der Krise leicht ausdehnen lassen. Ein Raster, durch das Clairoix fallen musste. Das Gelände ist zwischen Bahnlinie und Fluss eingezwängt, die Asiaten fahren woanders Auto, und die Kosten, nun ja: Clairoix produziert teurer als die anderen Werke der Conti-Reifengruppe.

Das Feindbild der "reichen deutschen Witwe"  kursiert

Das sei so, weil diese Fabrik für Kleinserien benutzt werde, sagen die Gewerkschafter. Und weil das Unternehmen zu wenig in neue Maschinen investiert habe. Louis Forzy fügt einen Grund hinzu: "Qualifizierte und einsatzbereite Mitarbeiter sind hier nicht gerade leicht zu finden", sagt er.

Aber in Sarreguemines, dem anderen französischen Standort? "Das ist Grenzgebiet." Ja und? "Grenzgebiet zu Deutschland. Da hat man eine andere Arbeitseinstellung."

Ein ziemlich riskantes Argument zu einer Zeit, in der die "reiche deutsche Witwe" als Feindbild fungiert. Das Gespräch vor dem Werk kommt immer wieder auf Maria-Elisabeth Schaeffler, die sich mit dem Kauf von Continental verspekuliert hatte. Nun steht sie unter dem Druck der Banken. Der Gedanke ist naheliegend, dass sie aus dem erworbenen Unternehmen so viel wie möglich herauspressen will.

Der Glaube, das Werk erhalten zu können, flackerte am 19. März noch einmal auf, am landesweiten Streik- und Aktionstag, während der größten Demonstration, die Compiègne je gesehen hat. Dort wohnen 41.000 Menschen, es demonstrierten 12.000. Zuerst waren die Rentner eingetroffen und regelten schon mal, ganz wichtig, mit zu allem entschlossener Miene den Verkehr. Dann gesellten sich Punks mit dem Sticker "Zittert, Bourgeois!" hinzu, und auf einmal waren alle da, von der Kassiererin bis zum Beamten, das Volk eben, mit roten Jakobinermützen, selbstgemalten Schildern wie "Wir sind keine Waren" oder auch "1789 – 2009: der gleiche Kampf". Während der Französischen Revolution hieß Compiègne eine Zeit lang "Marat-sur-l’Oise", nach Jean Paul Marat, dem Jakobiner.

"Das werden sie teuer bezahlen", sagt der Gewerkschafter Manuel de Costa

"Wenn das so weitergeht, gibt es eine Revolution!"

Zuletzt trafen die Conti-Leute in ihren schwarzen Werksjacken ein, vorneweg der unvermeidliche Sarg für die Arbeitsplätze. Und als dann wieder einmal Reifen brannten, Knallkörper explodierten, Trommeln dröhnten, und die Internationale erklang, redete sich der christliche Gewerkschafter Manuel da Costa in Rage: "Sie betrügen uns, sie belügen uns, wenn das so weitergeht, gibt es eine Revolution!" Wohl kaum. Aber eine Revolte, das vielleicht. "Sie haben unseren Schweiß bekommen, jetzt wollen sie unser Blut. Aber sie werden teuer bezahlen", sagt Xavier Mathieu, der Rote von der CGT. Dass es am Standort Hannover eher ruhig zugeht, enttäuscht ihn.

Sowohl in Hannover als auch in Clairoix wird der Konflikt in einen großzügigen Sozialplan münden, und in beiden Fällen wird der Staat Härten lindern. Doch Frankreichs Politiker fürchten, dass die Gewerkschaften mancherorts die Kontrolle über die Wut verlieren könnten. Vertreter des Continental-Managements meiden mittlerweile die Nähe ihres Reifenwerks. Die nächste Sitzung des Gesamtbetriebsrats ist ans Mittelmeer verlegt worden, ins 1000 Kilometer entfernte Nizza. Es liegt etwas in der Luft, ein Geruch nach Kautschuk, Ruß und Rebellion. (Zeit Online)


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