Proteste gegen die Bahn : Oberfranken 21

Nicht nur in Stuttgart kämpfen Bürger gegen die Bahn. In Franken und Thüringen protestieren Anwohner seit 18 Jahren.

von
„So da“-Brücke: Weil an vielen Stellen gleichzeitig gebaut wird – hier die Unstruttalbrücke bei Karsdorf –, stehen die Brücken oft einfach so in der Landschaft herum.
„So da“-Brücke: Weil an vielen Stellen gleichzeitig gebaut wird – hier die Unstruttalbrücke bei Karsdorf –, stehen die Brücken oft...Foto: picture alliance / ZB

Coburg - Michael Schäfer ist kein Hardliner. Der gelernte Elektriker arbeitet mit Behinderten in einer Werkstatt. Dafür braucht man viel Geduld. Doch bei der Bahn ist dem Franken der Geduldsfaden gerissen. Neulich, als er auf einer Fortbildung in Stuttgart war, hat er spontan mitdemonstriert. „Wir sind doch alle gegen die Bahn“, sagt Schäfer.

Während über das umstrittene Bahnprojekt „Stuttgart 21“ noch gesprochen wird, untertunnelt die Bahn rund 300 Kilometer von der schwäbischen Hauptstadt entfernt bereits seit Jahren Berge und stellt riesige Betonbrücken in die Landschaft. In sieben Jahren soll der ICE von Berlin nach München über diese Strecke brausen. Vier Stunden soll das dauern – und damit zwei weniger als bisher. Statt durch Lichtenfels, Saalfeld und Jena soll der Zug künftig durch Erfurt fahren. Damit das klappt, sind gewaltige Investitionen nötig. Rund zehn Milliarden Euro kostet die gesamte Strecke, die Hälfte des Geldes ist bereits verbaut. Die Bauarbeiten laufen seit 1996, die Hochgeschwindigkeitsstrecke gehört zu den Verkehrsprojekten Deutsche Einheit und wird auch von der Europäischen Union gefördert. Die Strecke ist Teil des transeuropäischen Netzes von Skandinavien bis zum Mittelmeer.

Michael Schäfer und seine Familie gehören zu denen, die unter dem Bahnprojekt leiden. Ihr Haus liegt in Lützelbuch, einem Dorf in der Nähe von Coburg. 80 Meter entfernt treibt die Bahn einen Tunnel in den Berg. Wenige Kilometer weiter, in Dörfles-Esbach, steht eine riesige Betonbrücke in der Landschaft, die „Itztalbrücke“. Einfach so. „So da“-Brücke nennt Wolfgang Weiß, der für die Grünen im Coburger Stadtrat sitzt, das 21-Millionen-Euro teure Bauwerk. Weiß ist Förster und ärgert sich über die Verschandelung der Landschaft. Alternativkonzepte habe man vorgelegt, die ohne „die enorme Landschaftszerstörung“ ausgekommen wären, doch die Politik habe davon nichts wissen wollen, erinnert sich der Grüne.

Den Frust der Stuttgarter können die Franken gut nachvollziehen. Das, was die Schwaben jetzt erleben, haben sie vor Jahren durchgemacht. „Wir sind auf die Straße gegangen“, erinnert sich Heinz Schielein, Vorsitzender der Bürgerinitiative „Das bessere Bahnkonzept“. Für Zehntausende von Euro hat die Bürgerinitiative Gutachten in Auftrag gegeben, die beweisen sollten, dass die Strecke unsinnig ist. Mit allen Staatssekretären im Verkehrsministerium habe man sich getroffen. Vergeblich. Auch vom letzten Hoffnungsträger, CSU-Shooting-Star KarlTheodor zu Guttenberg, fühlen sich Schielein und seine Mitstreiter im Stich gelassen. „Er war sehr zugänglich“, erinnert sich Schielein an sein Gespräch mit dem Minister, dessen Wahlkreis im fränkischen Kulmbach liegt. „Doch passiert ist nichts.“ Nun stellt sich Schielein auf das Schlimmste ein. Sein Haus liegt an der Strecke Nürnberg-Ebensleben, die von zwei auf vier Spuren ausgebaut werden soll. Eine Lärmschutzmauer hinter seinem Garten und Lärmschutzfenster sollen das Schlimmste verhindern, doch Schielein gibt sich keinen Illusionen hin: „Wenn jede Nacht die Güterzüge auf vier Gleisen an meinem Haus entlang donnern, wird das die Hölle“, fürchtet der Chef der Bürgerinitiative.

Neben der schnellen Verbindung im Personenverkehr führt die Bahn die Güterzüge als weiteres Argument für die neue Schnellstrecke an. „Wir müssen Kapazitäten für den Güterverkehr schaffen“, betont Michael Baufeld, der bei der Bahn für Großprojekte zuständig ist. „Deutschland ist ein Transitland.“ Doch gerade mit dem Güterverkehr gibt es auf der neuen Strecke Probleme. Denn die Tunnel, die sich durch den Thüringer Wald fressen, entsprechen nicht mehr den modernen Sicherheitsbestimmungen. Statt – wie heute vorgeschrieben – für jede Richtung eine eigene Röhre zu bauen, sind die Tunnel zweigleisig. Bei Tempo 200 und mehr kann der Sog, der von den ICEs ausgeht, die Ladung von den Güterzügen herunterreißen. Konsequenz: ICEs und Güterzüge dürfen sich im Tunnel nicht begegnen. Die Bahn will das Dilemma mit „intelligenten Konzepten“ lösen. „Ein Gutteil des Güterverkehrs rollt nachts“, sagt Bahnsprecher Baufeld und bestätigt damit die Ängste der Anwohner.

Die fühlen sich von der Politik verschaukelt. „Am Anfang war der Teufel los“, berichtet Schielein, „doch jetzt sind die Leute unglaublich frustriert.“ Von einem „tiefen Graben zwischen Regierenden und Regierten“ spricht er. Noch immer hat die Bürgerinitiative 1500 zahlende Mitglieder. Das ist zwar nur noch die Hälfte der Protestierer, die anfangs dabei waren, doch Schielein findet es „unglaublich, dass noch immer so viele bei der Stange bleiben“.

Dass man das Projekt noch zu Fall bringen könne, glaubt in der Region niemand. „Die sind schon zu weit“, gibt Stadtrat Weiß zu bedenken. Nun wollen die Anwohner zumindest erreichen, dass sie die neue Verbindung auch nutzen können. Bisher ist ein Halt in Coburg nur zu den Tagesrandzeiten – also morgens und abends – vorgesehen. Weiß findet das empörend: „Die Ballungszentren werden verbunden, aber die Regionen, die betroffen sind, sollen davon nicht profitieren.“

4 Kommentare

Neuester Kommentar